Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.11.2000; 17:06:42
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 11
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Erika Baglyas

„Híres vagy, hogyha ezt akartad.
S hány hét a világ? Te bolond.”
(Attila József)

„Jetzt bist du berühmt, wenn du das wolltest.
Und wie viele Wochen dauert die Welt? Du, Verrückter.”

Erika Baglyas ist Performance- und Videokünstlerin sowie Kunstkritikerin. Sie handelt und kommuniziert, teilt ihre Meinung meistens in Installationen oder Videoarbeiten an (noch) ungewöhnlichen Standorten für den ungarischen Kunstbetrieb mit: in Fabrikhallen, im Keller einer psychiatrischen Anstalt oder im Garten eines Museums. Ihr bisheriges Werk ist konzeptuell aufgeladen: Geschriebene oder gesprochene Texte haben unentbehrliche Funktionen innerhalb der einzelnen Arbeit, während die Bildteile häufig appellative Züge tragen. Fast schon aufdringlich geht Baglyas auf ihre Umgebung zu, setzt ein Hinterfragen, Mitdenken und Mitfühlen voraus, wobei sie von einem tendenziell nachdenklich bis skeptisch gestimmten ungarischen Publikum durchaus Akzeptanz erfährt.

In der neu für die Ausstellung produzierten Videoinstallation „Nützliches Wissen“ sinnt Erika Baglyas in einem aus dem Off gesprochenen Text darüber nach, wie sich Wissen im Alltag bewähren muss und sich daher auch das Verständnis von seiner „Nützlichkeit“ von Zeit zu Zeit immer wieder ändert. Ebenso verhält es sich auch mit dem Alltagswissen über das Brotbacken. Während der letzten Jahrhunderte galt es als nützlich, ja unentbehrlich zu wissen, wie man Brot bäckt. Heute ist dieses Wissen in der europäischen Kultur für einzelne Haushalte oder Hausfrauen weitgehend nutzlos, entbehrlich geworden. Man läuft zum Bäcker oder die (in Ungarn allerdings noch kaum verbreitete) Brotbackmaschine tut das ihre. Aber im osteuropäischen Raum ist an manchen abgelegenen Ortschaften die handwerkliche Prozedur des „Brotmachens“ noch präsent. Armut katapultiert dort das Brotbacken immer noch in den Bereich des nützlichen Wissens.

In ihrem Videofilm knetet die Künstlerin den in einen alten Holztrog gegebenen Teig unentwegt. Sie kämpft mit ihm, streichelt und schlägt ihn. Der Rhythmus des Knetens variiert, im Hintergrund sind in Form eines inneren Monologs die Gedanken der knetenden Person zu hören. Die Aussagen sind meditativ und lassen scheinbar die Härten der Arbeit erträglicher werden. Im realen Ausstellungsraum liegt vor der Projektionsfläche eine Tischplatte auf dem Boden und verunsichert den Betrachter, der die Platte nicht zu betreten wagt. Als Metapher gelesen, signalisiert der Vorgang des Knetens eine andauernde Hinterfragung des Alltages, mit dem man sich nie abfinden sollte, die Tischplatte verweist auf die Grenzen unseres erlernten, normierten Verhaltens.

In einer Videoinstallation mit dem Titel „Gleich-gewicht“ wäscht Baglyas unentwegt ihre Hände und führt das Ritual der Reinigung ins Manische über-. Ein anderes Mal, in der Csepeler Fabrikhalle, hingen hundert reine Bettlaken herab. Mit einer Videoprojektion kombiniert wurden sie zur Hommage an die Mutter, die als Wäscherin arbeiten musste. Eine Kunstaktion der Künstlerin Ana Lupas¸ aus den 1970er Jahren, als diese mit Bäuerinnen an den Hügeln Siebenbürgens weiße Laken aufhing, fällt als Parallele aus dem mittelosteuropäischen Raum schnell ein. Während aber diese ältere Aktion eher der Land Art zuzurechnen ist, handeln die Installationen von Erika Baglyas von individuellen Erfahrungen, nicht zuletzt davon, wie alleingelassene Existenzen im Dickicht der üblichen Lebensführungsstrategien verkommen. „Hol a határ?“, „Wo ist die Grenze?“, kann man in einem Video, Buchstabe für Buchstabe projiziert, von den langsam blinzelnden Augen der Künstlerin ablesen. Man fragt sich: Die Grenze zu wem? Welche Grenze? Die Grenze der erträglichen und unerträglichen Ereignisse, die Grenze der Ignoranz, die Grenze der Grenzen?


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