Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.11.2000; 17:05:29
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 10
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Attila Szűcs, Mother with her Son, 2005, Öl auf

Attila Szűcs

Als kleiner Junge besuchte Attila Szücs mit seiner Familie ein kleines Dorf in Baranya, dem südlichsten Komitat Ungarns, in dem die Schwester seiner Großmutter lebte. Er schlich aus der Küche in einen im Halbdunkel liegenden Salon. Darin stand ein großes Bett mit aufgetürmten Kissen und einem Federbett, darüber eine bestickte Tagesdecke. Der Junge kletterte hinein und versank in die verlockende, kühle Weichheit – bis ihn die Mutter entdeckte, aus dem Bett warf und entdecken musste, dass er gegen ein Tabu verstoßen hatte: Dieser Salon wurde nur für besondere Anlässe genutzt und diente vor allem dazu, den Wohlstand der Familie zu demonstrieren. Im Rückblick deutet der Künstler diesen Raum als atmosphärisch ambivalent. Zum einen sei der Salon von einer leblosen und sterilen Leere geprägt gewesen, zum anderen habe er aber auch etwas Sakrales ausgestrahlt.

Diese Ambivalenz ist auf die Gemälde Attila Szücs’ übertragbar. Eine atmosphärische Uneindeutigkeit prägt seine Bilder, Menschen und Objekte stehen im Zwielicht. Dies vermittelt sich in Szücs gedämpfter Farbpalette, die nebulös und surreal verwischt wirkt, aber auch inhaltlich bleiben die Szenen offen. Der Künstler scheint ein Zwischenreich zu beschreiben, transitorische Momente zwischen Traum und Wachzustand, Fiktion und Realität. Attila Szücs nutzt seit vielen Jahren eine Technik, die gerade auch in der deutschen Malerei häufig Verwendung findet: Er malt nach Fotografien, die er sammelt und archiviert, um sie irgendwann malerisch analysierend umzusetzen. Diese Technik fördert den Eindruck der poetischen Langsamkeit seiner Bilder bis hin zur Regungslosigkeit.

In zahlreichen seiner Gemälde stellt Szücs Möbelstücke dar, und oftmals sind diese die einzigen Protagonisten. Durch die Isolierung aus einem narrativen Kontext monumentalisiert er das Mobiliar. Eine Couch verliert ihre eigentliche Funktion als Sitzgelegenheit für Menschen. Das Gemälde „Mutter mit ihrem Sohn“ zeigt einen kleinen Jungen neben einem roten Sofa, die Hände in den Hosentaschen verborgen. Die Mutter sitzt jedoch nicht auf der übergroßen Couch, sondern auf einem von ihrem Körper verborgenen Möbelstück. Dies erinnert an Szücs’ Erzählung vom Bett, das nicht zum Gebrauch gedacht war. Mutter und Kind bleiben in diesem Gemälde merkwürdig isoliert. Zwar blickt die Mutter beobachtend auf ihr Kind, dennoch baut sich keine Beziehung zwischen den beiden auf. Ein anderes Gemälde der Ausstellung – „Transfusion“ – zeigt ein Fitnessgerät, das wie eine Vision in den dunstig grauen Raum positioniert wurde. Auch hier wird ein Objekt zum Protagonisten: Das Standfahrrad ist in keine Erzählung eingebunden, das Motiv bleibt isoliert und erfährt zugleich eine Monumentalisierung. Bei dem Gemälde „Die Christbaumspitze“ erkennt der Betrachter lediglich durch den Bildtitel, was er sieht. Szücs wählt einen so engen Bildausschnitt, dass der Weihnachtsbaum nicht zu sehen ist, und die Schmuckspitze ihre eigentliche Funktion verliert. Als Motiv erhält diese eine skulpturale, nahezu architektonische Dimension.

Im 2001 entstandenen Gemälde „Bote“ taucht aus dem Zwielicht eine Gestalt auf. Als Vorlage diente Szücs die Porzellanfigur des Kapellmeisters der Meißner Affenkappelle. In der 1753 von Joachim Kändler geschaffenen Musikergruppe erfährt der Affe als Objekt der Satire eine Aufwertung, nachdem er im Mittelalter als sündhaftes Tier galt. Im 18. Jahrhundert entdeckte der Mensch seine Verwandtschaft mit dem Affen. Mit den an menschlicher Mimik und Gestik angelehnten Posen scheinen die Musiker in höfischer Kleidung und Rokoko-Perücken die aristokratische Gesellschaft als „dressiert“ zu entlarven. In der Bildenden Kunst wurde der Affe auch als alter ego des Künstlers aufgegriffen. Der Affe wird zum Sinnbild des Künstlers, der berufsbedingt die Natur nach“äfft“.


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