Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.11.2000; 17:02:51
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 08
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Éva Magyarósi, Lena Dokumentationen – Bilder eines geheimen Tagebuches, 2006, Installation, verschiedene Medien und Materialien, 150 x 330 x 15 cm (Detail)

Éva Magyarósi

„Wenn du am Leben meiner Generation rührst, stellt sich bei neunzig aus hundert Personen heraus, dass sie nicht den Beruf ausüben, für den sie sich vorbereitet haben. Tausende von Glücksreitern überfluten auf Dampfschiffen und in Flugzeugen und in den mit 200 km pro Stunde rasenden Autos unsere aufgewühlte Welt und verkünden die neue Religion: wisse dir überall, um jeden Preis zu helfen – und kümmere dich nicht darum, ob derjenige, den du brauchst in dir denjenigen findet, den er braucht.“
(Frigyes Karinthy 1930)

Es scheint, als ob sich momentan in Ungarn manche soziokulturelle Phänomene der 1920er und 1930er Jahre wiederholten: Universitätsabsolventen, auch Kunststudenten, arbeiten als Au-pair-Mädchen im Ausland oder üben Tätigkeiten aus, die nur partiell oder gar nicht aus dem Studierten abgeleitet werden können. Dieses Phänomen ist für Ungarn nach den relativ sicheren, aber grau gefärbten Jahren des „Gulaschkommunismus“ neu, wird aber mittlerweile als Tatsache hingenommen. Èva Magyarósi flüchtet wortwörtlich in die Kunst, nachdem sie jeden Tag – in einem Animationsfilmstudio – Aufträge für die Erstellung von Werbespots ausführt. Doch ihr Job greift auch auf ihre freie Kunsttätigkeit über: In ihrem Werk überlappen sich die Gattungen, Filme werden als Malstücke aufgefasst, Malerei und Fotografien mit Videoloops vermischt, grafische Bilder in Filme überführt oder durch Filmsequenzen animiert.

Mit der in Fernsehproduktionen verwendeten Technik der „green box“ stellt Magyarósi Einzelpersonen – meistens eine Frau und einen Mann – in einen künstlichen Nichtraum und filmt sie: Puppenhaft liegt eine nackte Frau am Boden, Efeu wächst über sie, ihrem Mund entwachsen Rosen. Blutrote Rosen, für die einen überstrapazierte Symbole der Liebe, sind für die Künstlerin seltene und daher lieb gewonnene Geschenke in zwischenmenschlichen Beziehungen. Auch in der Installation „Lena Dokumentationen – Bilder eines geheimen Tagebuches“ figurieren Bilder aus der Welt des Kitsches, naiv wirkende erotische Sehnsüchte, aber auch Ängste um Tod und Liebe werden angesprochen. Diese Wandinstallation, eine raumgreifende Collage aus Fotos, Videos und Objekten, fasst die Künstlerin als eine Art dreidimensionales Drehbuch zu einem Comic auf, der schließlich als Basis eines Experimentalfilms dienen soll. Der Vorläufer dieses Films, eine tragische Liebesgeschichte mit dem Titel „Hanne“ (2005), wurde mehrfach, u. a. auf dem Kurzfilmfestival von Oberhausen, für seine ungewöhnliche Form der Bildnarration prämiert. Für „Lena“, den zweiten „Teil“ des Filmgedichtes, will Magyarósi zudem eine interaktive Internetversion entwickeln, bei der die User selbst den Ausgang der Geschichte beeinflussen können. Angesichts der dreidimensionalen Wandinstallation erhält der Betrachter also schon in der Ausstellung einen Einblick in die Entstehung dieses Filmprojekts.

Formal verweist Magyarósis bildopulente Wandinstallation auf Experimentalkinofilme mit bewegten Simultanbildern, etwa bei Peter Greenaway („Prosperos Bücher“, 1991) oder Mike Figgis („Timecode“, 2000). In der Verabschiedung der einen story line spiegelt sich aber auch die Erfahrung der Künstlerin, dass für ihre Generation die Gegenwart fast immer mehrbildrig und mehrzeitig ist. Intimität erscheint in ihrer Arbeit als Zufluchtsraum aus einem Alltagsleben, in dem die Protagonisten ständig zwischen Automatismus und Reflexion oszillieren. „...also jetzt ist es vier Uhr. Vor zwei Stunden habe ich angefangen, die Tatsachen zu klären, von allen weit entfernt, weit von den Menschen, vom Meer. Ich kann Lenas Gesicht nur aus dem Licht rekonstruieren. Wir haben gemeinsam traurige Wochen verbracht, ständig das Hinwegsehnen signalisierend. Niemals wird mich irgendjemand lieben, und ich werde nie jemandem erlauben, mich an ihr zu messen. Ich habe meine Freiheit zurückerlangt, doch ich kann damit nichts anfangen. Vielleicht sollte man beten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das in dieser Situation die beste Lösung wäre“ (Zitat aus dem Drehbuch).

Eingangszitat aus Frigyes Karinthy: Szakértelem / Fachkenntnis. In: Károly Szalay (Hg.): Szatírák VI / Satiren VI / 1930. Budapest 2005 (Übersetzung KG)


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