Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.11.2000; 17:01:03
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 07
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Ilona Lovas, Erbarme Dich meiner, 2005, Video, 9 Min., Loop

Ilona Lovas

„Was du nicht begreifst, noch siehst,
der seelenvolle Glaube, er hält fest, was außerhalb
der sonst bekannten Ordnung der Dinge dieser Welt liegt.“
(Thomas von Aquin)

Ilona Lovas bezieht als Künstlerin eine tief gläubige Position, die in ihrem Werk eindringlich zur Sprache kommt. Es entstehen poetisch-metaphysische Werke, Objekte, Installationen und Videos, die gleichzeitig profane und religiöse Lesarten haben. In ihrer starken Präsenz und einer der arte povera vorausgehenden, dieser aber verwandten Materialästhetik sind Lovas’ Arbeiten in der Textil- und Objektkunst der 1970er Jahre verankert.
Die Künstlerin verarbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten ein allgemein als derb oder eklig empfundenes „Material“, den Kuhdarm, und formt aus diesem großformatige, spindelförmige, lichtdurchlässige, von der Decke hängende Körper, die über sich selber hinausweisen. Sie zieht überdies die dünne Darmhaut über Glasplatten oder presst sie zwischen diese. Unregelmäßige Kreisformationen zeigen feine Oberflächenstrukturen, die Spuren einstmaliger Lebensfunktionen. „Organisch/anorganisch, natürlich/künstlich, trocken/feucht, warm/kalt, weich/hart; geschlossen/offen; hell/dunkel, durchsichtig/undurchsichtig, rein/unrein sind einander bedingende, miteinander in Verbindung stehende Dualitäten, die auch eine über Gegensätze hinausweisende Einheit vergegenwärtigen mögen. Die Spirale der physischen und psychologisch gefärbten Assoziationen führt zu metaphysischen Entitäten; zum Mysterium der Abwechslung von Leben, Tod und Neugeburt“, so beschreibt László Százados die Vielschichtigkeit der Werke von Ilona Lovas.

In der Videoarbeit „Erbarme Dich meiner!“ (2005/06) macht Lovas einen bewussten Schritt auf die persönliche und kollektive Vergangenheit zu. Der Großvater der Künstlerin war Hutmacher und belieferte die ganze k.u.k. Monarchie mit seinen Produkten. Während sowohl er als auch seine Filzhüte verschwunden sind, erinnern noch die wiedergefundenen, hölzernen Hutstumpen an ihn, an seine nationale Grenzen überschreitende Tätigkeit und an eine historische Landschaft, die im ersten Weltkrieg zerfallen ist. Diese Stumpen, die individuelle Kopfmaße wiedergeben, können auch als Stellvertreter gesichtslos gewordener Vorfahren gedeutet werden. Wenn die Künstlerin in ihrer Performance die Stumpen auf dem Boden kniend bewegt, sie in der Videoaufzeichnung vom unteren Bildrand nach oben verschiebt, sich sorgend über sie beugt, entfaltet sich vor uns das Bild einer sich um alle kümmernden Frauengestalt: Unentwegt einer rettenden Tätigkeit ergeben. Kein Schutzmantel ist vorhanden, der „Schutzraum“ ist aber wohl der Aktionsraum im Einzugsbereich des Lichtes, das wiederum nur künstlicher Natur ist. Man hört das hohle Klopfen der aneinander stoßenden Stumpen, zwei unterschiedliche Stimmen murmeln ständig: „Erbarme dich meiner!“. Einmal dringt auch der vollständige Vers des Markusevangeliums durch diese Geräuschkulisse zu uns: „Jesus, Sohn von David, erbarme dich meiner!“ Im Bunker, wenn draußen Kriege toben, war das Beten wohl die einzig mögliche, existentielle Fluchtmöglichkeit. Die Individuen verkümmern zur Masse, wenn Sinnlosigkeit überhand gewinnt; in solchen Situationen hofft man nur darauf, eine schützende Hand über sich zu haben. Als Künstlerin kann man sich immerhin in die – vom Standpunkt des Betrachters gesehen vielleicht auch „nutzlose“ – kreative Tätigkeit fliehen, die für Lovas allerdings nie Selbstzweck ist.

Die Hinwendung ungarischer KünstlerInnen zur persönlichen Familiengeschichte ist in ihrer Tendenz international verankert, doch zugleich bedeutet sie auch ein Stück überpersönliche Vergangenheitsbewältigung. Im kommunistischen Ungarn war eine derartige Beschäftigung mit der Geschichte, die in individuellen Schicksalen das Allgemeingültige, in der heroisierten oder verdrängten Landeshistorie kaputtgemachte Existenzen aufspürte, nicht erwünscht.


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