Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.11.2000; 16:58:18
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 05
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Zsolt Keserue, Self-Destructive Hero, 2000, Staubsauger, Teppich, 21 x 18 x 47 cm, 214 cm x Ø 4 cm



Zsolt Keserue, Complaint Wall, 2003, Videoinstallation, 2 Min., Loop



Zsolt Keserue

„Das Problem ist…“, immer sofort zu jammern. So jedenfalls ist die Beobachtung Zsolt Keserues in einer ungarischen Provinzstadt nahe Budapest. In Dunaújváros beginnen die Einwohner – gleich welchen Alters – recht bald nach den üblichen Begrüßungsformeln ihre Konversation mit dem Hinweis auf Missstände und Probleme. Den Künstler regte dieses vielleicht typisch ungarische, in seiner Wahlheimat aber besonders ausgeprägte Verhalten dazu an, seinen Mitmenschen eine Möglichkeit zu bieten, ihre Klagen in kurzen Statements loszuwerden. Er zeichnet sie mit seiner Videokamera in extremer Nahsicht auf, fokussiert dabei den sprechenden Mund und fügt dann die Einzelaufnahmen wie die Steine einer Mauer zusammen. Dabei gewährt er den Interviewten ausreichend Anonymität, um zu ehrlichen Äußerungen zu gelangen.

„Complaint Wall“ – die Klagemauer – erfährt hier eine Umkehrung, indem die Mauer klagt, und gleichzeitig eine Profanisierung in dem Maße wie auch die Probleme der Einwohner ganz alltäglichen Charakter haben. Die Sorgen kreisen vorwiegend um eine Stahlfabrik, die als Hauptarbeitgeber das Denken und Handeln in der Stadt zu bestimmen scheint. Im Entstehungsjahr der Videoinstallation (2003) steckte das Werk in einer wirtschaftlichen Krise, bevor es dann im Folgejahr von einem größeren Konzern übernommen wurde. Das riesige Gelände nimmt fast ein Drittel des Stadtgebiets ein und dominiert schon alleine deshalb das Leben in der noch recht jungen Stadt. Da Zsolt Keserue erst nach seinem Studium in Pécs hierher zog, kann er den Pessimismus in dieser Stadt aus einer gewissen Distanz heraus beobachten. Er bleibt ein „Zugereister“ und er ist zudem Künstler. Als Künstler berühren ihn die Probleme der Fabrik zwar nicht persönlich, er nimmt sich ihrer aber dennoch an. Er sammelt sie und indirekt klagt er mit an. In der ironischen Zuspitzung seiner Installation macht er aus dem notorischen, aber nicht zielführenden, meist beiläufigen Lamentieren ein öffentliches – ein Schritt der Annäherung an jene gebrochene Vision, die einer seiner Gesprächspartner formuliert: „Wenn die Menschen sich normal beklagen könnten, dann würden viele Probleme gelöst. Oder auch nicht. Aber das ist eine andere Klage.“

Alltägliche Probleme (be)treffen nicht nur die Arbeitnehmer der Stahlfabrik in Dunaújváros, sondern auch die Hausfrauen. Für jene entwickelte Zsolt Keserue ein Haushaltsgerät besonderer Art. Sein Staubsauger weist einen Korpus aus eben dem Material auf, welches es zu reinigen gilt. Ein rotgrundiger, bunt gemusterter Knüpfteppich als Sinnbild spießbürgerlicher Behaglichkeit scheint dafür geschaffen, permanent gereinigt zu werden. Dass der „Self-Destructive Heroe“ als Staubsauger aber nur sein eigenes plüschiges Äußeres pflegt, wird ihm zum Verhängnis werden, wenn letztlich das Material verschleißt.

Als Gehilfe der Hausfrau erweist sich das Gerät als Held – ganz im sozialistischen Sinne ein Held der Arbeit, die allzu oft ohne Anerkennung bleibt. Der tautologische Akt der Reinigung aber, der sich immer nur auf sich selbst bezieht, kommt einer Selbstbeschmutzung nahe: Eine späte Kritik am politischen System, das die Bürger in der verordneten Autarkie gefangen hielt, bis es sich selbst verbraucht hatte. Zsolt Keserues Konstruktion einer Destruktion könnte tatsächlich als ironische Anspielung auf die Vergangenheit gelten.


Download Foto "Self-Destructive Hero" (300 dpi)


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