Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.11.2000; 16:57:03
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 04
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LOST & FOUND << zurückweiter >>

Gábor Gerhes, Solved problems before unsolved ones, 2006, Fotografie/Lambda-Print, 125 x 142 cm



Gábor Gerhes

Gábor Gerhes’ inszenierte Fotografien geben Rätsel auf: Sie stellen banale, skurrile oder absurde Situationen dar, die sich auch auf den zweiten Blick nicht ohne weiteres erschließen. Ihre Protagonisten erscheinen in diskreter Kostümierung und führen in bühnenartigen Szenerien nicht näher zu bestimmende Handlungen – bzw. Nicht-Handlungen – aus (nicht selten ist der Moment vor oder nach einer bestimmten Aktion dargestellt). Dabei unterstützt werden sie von diversen Requisiten, die vom Fernglas übers Hirschgeweih bis hin zu religiösen Symbolen reichen; aber auch Buchstaben, Zahlen, abstrakt-geometrische Formen oder selbst konstruierte sinnlose Objekte tauchen in Gerhes’ Fotografien als Statisten auf, um Interpretationsansätze zu provozieren und sie gleichzeitig ad absurdum zu führen. Die plakative, der Werbeästhetik entlehnte Bildsprache ist dabei um jene Scheinauthentizität bemüht, die in weiten Teilen der westlichen Konsumgesellschaft bereits die „Realität“ abgelöst hat.

Auch Ungarns sozialistische Vergangenheit dient in Gerhes’ Inszenierungen als Bild- und Ideenlieferant. Mit ihrer Furnier-Ästhetik im Retrostil umgibt die gezeigten Arbeiten atmosphärisch ein Hauch von ungarischer „Ostalgie“, die jedoch im nächsten Moment als trügerisches Harmoniedenken entlarvt wird. Die Fotografie „Unsolved Problems standing by Solved Ones“ zeigt einen Mann, der hinter einer Säule steht, die er mit beiden Händen fest umklammert, als wolle er sie fortbewegen (oder hätte sie gerade ins Bild hinein getragen). Hinter ihm sind auf einem Podium diverse Objekte aufgereiht – u. a. eine Urne, ein Tablett und eine Uhr – Gegenstände, die zu Zeiten des Sozialismus mit ideologischer Bedeutung aufgeladen waren. Ebenso suggestiv wie augenzwinkernd spielt die absurde Konstellation von „gelösten und ungelösten Problemen“ auf den in allen Bereichen des Lebens (und Sterbens) durchgreifenden Willen des sozialistischen Systems an, die Welt nach seinen Vorstellungen zu ordnen. Durch absurde Details oder Eingriffe ihrer eigentlichen Funktion bzw. Bedeutung beraubt, verweisen die Repliken auf das Scheitern dieser Utopie. Das Furnier, das nie Holz sein wird, enttarnt die Vorhaltung des schönen Scheins: So wird die Uhr mit den exzentrisch angebrachten Zeigern niemals die „richtige“ Uhrzeit angeben (oder sollte sie angehalten werden?). Das ungefüllte Tablett entlarvt die politische Verheißung vom allgemeinen Wohlstand als leeres Versprechen. Die drei farbigen, ineinander verschränkten Ringe – eine verkümmerte Variante des Olympischen Symbols – thematisieren wiederum den ideologisch vereinnahmten sportlichen Ehrgeiz der sozialistischen Nationen, bei internationalen Wettkämpfen die Überlegenheit des kommunistischen Systems indirekt zu beweisen. (Immerhin schaffte es Ungarn, sich im ewigen Medaillenspiegel auf Platz 7 zu behaupten.)

Gábor Gerhes gehört zu jenen Künstlern der jüngeren Generation, deren Sozialisation noch in der Zeit des so genannten „Gulaschkommunismus“ der 1980er Jahre lag. Seine Arbeiten bemühen Zeichen und Codes, die vor der Wende allgemein verständlich waren, ihre Bedeutung aber inzwischen verloren haben. Auch autobiografische Momente, die in Gerhes’ Inszenierungen einfließen, sind von dieser Ambiguität geprägt. In der Arbeit „The Old Song“ präsentiert sich der Künstler gleich in doppelter Ausführung, wobei eine jeweils identische Version seines Kopfes auf einen zu kleinen Körper montiert ist. Er spielt Gitarre in einem psychedelisch anmutenden Interieur, dessen Furniere im Rhythmus der Musik ins Kreisen zu geraten scheinen. Die Inszenierung könnte als ein ironischer Verweis auf den „anderen“ Gerhes bzw. das „frühere“ Leben des Künstlers gelesen werden, der zu Zeiten des sozialistischen Regimes eine Karriere als Rockmusiker verfolgte und auf internationalen Konzerten „Punk against socialism“ spielte – gegen jenen Sozialismus, der in seinen Fotoarbeiten bis heute als ironisches Zitat auf eine durch Konformismus geprägte Gesellschaft auftaucht.

Literatur: Renninger, Suzann-Viola: Substraktion statt Addition. Der Künstler Gábor Gerhes. In: Schweizer Monatshefte, Februar 2006; Kunst der neunziger Jahre in Ungarn. Kat. Akademie der Künste, Berlin, 1999.



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