Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.11.2000; 16:54:19
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 02
Msg #: 159 (Erste Nachricht zum Thema)
Prev/Next: 158/160
Reads: 15842

LOST & FOUND << zurückweiter >>

Mária Chilf, My Treasure, Your Treasure, His/Her Treasure II., 2006, Installation, Plüschtiere, Talismane und andere auf der Straße gefundene Glücksbringer, Größe variabel


Mária Chilf

Schätze sind etwas sehr Persönliches. Jeder hat seinen Schatz, unabhängig vom monetären Wert, den Außenstehende darin erkennen können. Umso schlimmer muss das Gefühl sein, das Portemonnaie als Aufbewahrungsort mobiler Schätze verloren zu haben! Maria Chilf hat solche Schätze teils selbst auf der Straße gefunden, teils spürt sie diese in Fundbüros auf, um sie zu einer Installation der Erinnerungen zusammenzufügen. „My Treasure, your Treasure, His/Her Treasure“ ist eine Galerie intimer Porträtfotografien in ansonsten geleerten Brieftaschen. Zu sehen sind Aufnahmen von (Enkel-)Kindern, (Ehe-)Partnern, Schnappschüsse aus dem Familienkreis – von Personen, die einem ganz besonders nahe stehen. Im Portemonnaie als ständigem Begleiter aufbewahrt, sind die Liebsten überall dabei, können sogar – bei ganz besonderer Wertschätzung – Anderen gezeigt werden: „Sieh hier, das ist…“.

Es sind die Schätze neben der Barschaft, für die Portemonnaies in erster Linie bestimmt sind. Selbst Identitätsausweise und Bankkärtchen werden hinter den Fotografien dezent versteckt. Beim Öffnen der Brieftasche fällt der Blick zuerst auf das Persönlichste und Emotionalste, bevor der Alltag eine rasche Reaktion an der Kasse des Supermarkts erfordert. In der Ansammlung verschiedenster Modelle von Geldbörsen versteckt Maria Chilf jedoch auch einige Falschmünzen. Nicht alle Portemonnaies waren tatsächlich verloren gegangen. Neben Fundbüros suchte sie auch Freunde auf und bat diese, sich von ihren „Schätzen“ zu trennen. Zusätzlich kaufte sie selbst Brieftaschen und füllte sie mit Fotografien. Sie verweist damit auf die Beliebigkeit des Intimen und misst den Schätzen einen neuen Wert bei: Die Fotografien verlieren zwar teils den Charakter des Persönlichen und Individuellen und werden austauschbar, zugleich öffnen sie sich aber als Teile eines kollektiven Bilderschatzes den Erinnerungen des jeweiligen Betrachters. Darin ähnelt Maria Chilfs künstlerische Konzeption den Arbeiten des französischen Künstler Christian Boltanskis, wenn dieser vermeintlich persönliche Archive Verstorbener anlegt.

So wie sich die persönlichen Beziehungen von Brieftaschen-Besitzern kaum aus den mitgeführten Fotografien ableiten lassen, so bleiben die in Ungarn unter Freunden und Verliebten als Talismane verschenkten Plüschtier-Anhänger für Nicht-Eingeweihte zunächst ein recht vager Hinweis. Was in Deutschland undenkbar wäre: Selbst Erwachsene tragen die niedlichen Tierchen an einer Tasche oder am Gürtel offen zur Schau. Sie sind sichtbare Zeichen gegenseitiger Verbundenheit – und dennoch bleiben sie industriell gefertigte Massenware. Maria Chilf findet auch diese Teddybären auf der Straße. Was paarweise einmal zusammen gehörte, ist nun vereinzelt und scheinbar bedeutungslos. Der Talisman kann als Glücksbringer seine Funktion nicht mehr erfüllen. Was bedeutet es aber für die Beziehung, wenn der Träger des Talismans diesen aus Unachtsamkeit verliert? Der weit verbreitete Aberglaube in solchen Dingen könnte jedenfalls dazu führen, über die aktuelle Qualität der Beziehung nachzudenken. Der nicht mehr vorhandene Teddybär erhält (besonders im Fall seines Verlusts) eine wesentlich höhere Bedeutung, als dies sein rein materieller Wert aus Sicht Außenstehender zuließe. Vermutlich liegt diese emotionale Wertschätzung in der Erscheinungsform des Objekts begründet. Der verkleinerte – und dadurch mobil gewordene – Teddybär erinnert an die lieb gewonnenen Kuscheltiere der Kindheit, die einen in den Schlaf und durch die Nacht begleiteten. Sie waren Beschützer vor bösen Träumen, Tröster bei Kummer und ganz besonders treue Gefährten in einsamen Stunden. Umso schlimmer mutet der Anblick auf der Straßen liegen gebliebener Kuscheltiere an, die nun durch Regen und Staub schmuddelig geworden sind.

Das sanfte Pathos, das in den Arbeiten Maria Chilfs liegt, scheint auf eine besondere Form der Anhänglichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen zu deuten und ist doch über den kulturellen Kontext hinaus erkennbar. Jeder hat seinen Schatz von unschätzbarem Wert – emotional und eben auch sehr sentimental.


Download Fotos (300 dpi)



^^ nach oben