Previous topic: Next topic:
inactiveTopic AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 16 topic started 11.10.2000; 17:09:13
last post 11.10.2000; 17:09:13
user graesser - AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 16  blueArrow
11.10.2000; 17:09:13 (reads: 14603, responses: 0)
LOST & FOUND << zurückweiter >>


János Sugár

Für ein Duell bedarf es der Beteiligung zweier Kontrahenten. Sie stehen einander gegenüber – ausgestattet mit gleichen Waffen. Bei einem TV-Duell unter Politikern sind dies Schlagfertigkeit und Originalität. Dem Schlagabtausch unter den Spitzenkandidaten der aussichtsreichsten Parteien, die als Sieger aus einer Wahl hervorgehen könnten, wird gemeinhin unterstellt, auf das Votum einwirken zu können.

2006 wurde erstmals im ungarischen Fernsehen eine Debatte unter den Kandidaten Ferenc Gyurcsány und Viktor Orbán für die bevorstehende Parlamentswahl ausgestrahlt. János Sugár nimmt in seiner Videoinstallation „Screening: Mute“ die Wahl des Ministerpräsidenten zum Anlass, die Aussagen von Politikern genauer zu analysieren. Neben der ungarischen Debatte wählt er die TV-Übertragungen der Bundestagswahl (Merkel:Schröder, 2005) und der US-Präsidentschaftswahl (Bush:Kerry, 2004). Da die Kandidaten bei solchen Anlässen üblicherweise nichts Neues verkünden, sondern in einer telegenen Inszenierung lediglich darauf bedacht sind, eine besonders gute Selbstdarstellung zu bieten, kann der Künstler bei der Aufzeichnung der Debatten getrost den Ton ausschalten. Der Stummfilm ermöglicht die Konzentration auf die Körpersprache. Dies hatten bereits 1976 Fernsehkommentatoren festgestellt, als während der Übertragung einer Debatte zwischen Jimmy Carter und Gerald Ford für 27 Minuten der Ton komplett ausfiel. Um die Zeit zu überbrücken, wurde das Auftreten der Kandidaten diskutiert.

Auf eine Unterhaltung muss der Betrachter des Videofilms dennoch nicht verzichten. Als Textband blendet der Künstler in der jeweiligen Landessprache Witze ein. Diese bewegen sich ganz in der Tradition klischeehafter Witze, die – wenig politisch korrekt und daher aus dem Munde von Politikern ungewöhnlich – Randgruppen auf die Schippe nehmen. Doch János Sugár tauscht das Standardpersonal der Witze aus: Sie handeln nun von Künstlern, Kuratoren, Galeristen und Sammlern. Die Kunstwelt dient als Projektionsfläche zum Teil recht anzüglicher Zoten, die mitunter jede Pointe vermissen lassen. Im Gleichtakt mit dem Wort(schein)gefecht der Kandidaten ist man jedoch versucht, indirekt die Originalität der Politiker zu überprüfen: Wer hat die besseren Witze auf Lager, wer liefert lediglich Kalauer ab? Gyurcsány sorgte mit seinen unangemessenen Äußerungen mehrmals für Unmut. Die Medieninszenierung der TV-Debatten scheint in Sugárs Videoinstallation paradoxerweise trotz der vorgenommenen Änderungen perfekt zu funktionieren – geht es doch in solchen Sendungen nicht wirklich um die Vermittlung von Inhalten, sondern nur noch darum, im medientauglichen Auftreten Punkte bei der Wählerschaft zu sammeln. So wurde beispielsweise der Sieg von George Bush sen. in einer Fernsehdebatte 1992 gegen seinen Widersacher Ross Perot darauf zurückgeführt, dass er während Perots Beiträgen häufiger auf die Uhr blickte und damit dessen Langatmigkeit in den Ausführungen zur Schau stellte.

János Sugár legt den Politikern Aussagen in den Mund, die möglicherweise in deren üblichen Phrasen bereits versteckt liegen könnten: So ist die Kulturpolitik auf einem Niveau angelangt, das ein Künstler nur noch unterbieten kann, indem er die Klischees bedient. Politische Kunst verfolgt immer wieder die Strategie, die unsägliche Trivialität des Alltags gerade durch Übertreibung oder durch die Verschleierung von Lösungsmöglichkeiten aufzudecken. Das Personal des Witzes ist austauschbar, wie auch die Politikerköpfe schon lange nicht mehr für Inhalte stehen. Gremien und Lobbyisten nehmen großen Einfluss auf die Entscheidungen, die Regierungsspitze vertritt diese lediglich nach außen. Brisanz erfährt die künstlerische Arbeit „Screening: Mute“ für Ungarn in ihrer Aktualität: Kurz nach seiner Wahl gestand Ferenc Gyurcsány ein, bewusst gelogen zu haben, um die Parlamentswahl gewinnen zu können. Kann dies noch überraschen? Besser, die Politiker erzählten sich während dieser Fernsehdebatten tatsächlich Witze und die Fernsehzuschauer wüssten genauer, worüber sie lachen dürfen!


^^ nach oben