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inactiveTopic AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 14 topic started 11.10.2000; 16:56:53
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user graesser - AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 14  blueArrow
11.10.2000; 16:56:53 (reads: 14082, responses: 0)
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Éva Köves

Mit den Mitteln der Fotografie und der Malerei befragt Éva Köves Raum und Lebenswelt in einer so bislang nicht gesehenen Symbiose, denn ihre Werke sind Übermalungen von Fotografien, auch wenn sie wie auf Leinwand ausgeführte Gemälde erscheinen. Köves sieht sich selbst in der Tradition des ungarischen Konstruktivismus. Sie fühlt sich Lajos Kassak, insbesondere aber László Moholy-Nagy verbunden, dessen abstrakte Licht- und Schattenerkundungen formale Anregungen sind, um sich der alltäglichen Lebenswelten zu vergewissern. So fotografiert sie etwa Eisenarchitekturen, Baugerüste, Kabelverspannungen als abstrakt konstruktive Strukturen und präsentiert diese als vielteilige Wandinstallationen aus collageartig zusammengesetzten Gemälden. Es entwickelt sich ein eigenes Raumbewusstsein, das sich zwischen Fotografie und Malerei bewegt.

In den jüngsten Arbeiten wendet sie sich ihrer eigenen sozialen Umwelt zu und stellt Fragen nach Hoffnung und Realität der aktuellen Lebensbedingungen. „Starke Bindungen fesseln mich an die Stadt, an Budapest im Besonderen. Ich betrachte diesen Ort als einen organischen und natürlichen Zusammenhang, als Teil meines Lebens, den ich lebe. Es ist ein Umstand, der für mich unveränderlich ist.“ (Éva Köves, 2001). Éva Köves’ Gemälde zeigen menschenleere Laubengänge der für die Budapester Architektur charakteristischen Innenhöfe mit Spuren des Alltagslebens. In der Regel sind zwei Perspektiven zu einer Malfläche zusammengeführt, entwickelt aus wohl komponierten Fotos von Momenten, die aber dennoch wirken, als sei die Situation im Vorübergehen wahrgenommen. Blickwinkel, Ausschnitt und eine malerische Präzision lassen die fotografische Sehweise erkennen. Die Aufnahmen spiegeln meist kleinbürgerliche Lebenswirklichkeiten mit pragmatischem Kalkül. Der Blick von der oberen Etage etwa wird zusammengefügt mit der Nahsicht, die zu genauerem Hinsehen verführen will, um so das „stille Leben“ des profanen Lebens zu entdecken, festgehalten in architektonischen Strukturen. Alles erscheint in bemühter Sauberkeit renovierungsbedürftig, besonders angesichts der Ansammlung verschiedenster Gegenstände vor den Wohnungstüren: etwa ein Ensemble aus einer Waschmaschine, einer Blumenampel, einem Stuhl, aus Kinderspielzeug, Badmintonschläger, Kanister, Besen und Farbeimer. Der Blumenkasten als künstliches Biotop erscheint als hilfloser Versuch, der Unwirtlichkeit der Laubengangidylle noch ein wenig Naturverbundenheit einzuhauchen.

Die Architektur scheint geprägt durch die Utopie einer angeregten Kommunikation unter Nachbarn auf den zum Innenhof hin geöffneten Gängen, die eine Einbuße an Intimität mit sich bringt – gewähren doch die Fenster Einblick in die Wohnungen und damit auch eine Art öffentlicher Kontrolle. Budapests Innenhöfe sind keine „tristen Schächte der Finsternis“, denn die Balkongänge schaffen ein Klima unentrinnbarer Öffentlichkeit.

Éva Köves skizziert eine Lebenswirklichkeit in Gemälden, die durch die fotografische Stilistik reportagehafte Authentizität suggerieren und zugleich Flüchtiges meinen. Es geht Éva Köves nicht um das Porträt der Stadt Budapest beziehungsweise ihrer Bewohner, nicht um bloße Dokumentation in beobachtend neutraler Distanz, sondern um eine Art malerischen Traum, der dem Motiv die fotografische Direktheit nimmt und einen poetischen Raum öffnet. „Die Fotografie existiert, um allmählich zu verschwinden, als ob sie sich in ihrer als authentisch gedachten Weise Realität und äußere Welt auflösen (Krisztina Passuth, 2001).


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