Author:   graesser  
Posted: 11.10.2000; 16:52:31
Topic: ARCHIV AUSSTELLUNGEN YUME NO ATO
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YUME NO ATO - WAS VOM TRAUM BLIEB... << zurückweiter >>
Unglücklicherweise versucht die ältere Generation noch immer, die Vergangenheit zu ignorieren und das tun auch die jüngeren Japaner. Aber auch die japanischen Künstler haben zu dieser Ignoranz beigetragen, denn es gibt einen starken Glauben daran, daß ”Bildende Kunst” sich nicht um Politik kümmern sollte. Im Ergebnis ist ihre Arbeit ästhetisch und theoretisch höchst anspruchsvoll, aber es mangelt ihr an Realitätsbezug und Inhaltlichkeit. Für mich ist Kunst ein Werkzeug für die Selbstbefragung und Kommunikation. Wenn ich wissen will, wer ich bin (eine Asiatin, eine Japanerin, eine Frau), dann ist es unverzichtbar, sich mit der jüngeren Vergangenheit auseinanderzusetzen, mit der Rolle der Frau und damit, was wir den anderen asiatischen Völkern angetan haben.
Ich bin in Tachikawa, einer Stadt der US-amerikanischen Besatzungszone, geboren worden. Nach dem Krieg galten die japanischen Frauen bei den US-Soldaten als ”exotische”, ”sinnliche” Objekte. Japan, das die einzige asiatische Kolonialmacht gewesen war, wurde nun kulturell von Amerika kolonisiert. Manche versuchen, die japanischen Frauen einfach nur als Opfer der Machtstrukturen
darzustellen und sehen nur die Polaritäten West versus Ost, Männer versus Frauen, Kolonialmacht versus Kolonialmacht, aber die Realität war nicht so einfach. Es gibt viele Komplexitäten und Doppeldeutigkeiten in jeder individuellen Position. Diese Unterschiede zusammenzufassen und durch Stereotypen zu vereinfachen, wird uns nicht helfen, die Dynamik von Machtstrukturen zu verstehen.
Als japanische Frau bin ich selbstverständlich nicht ahistorisch: Ich bin durch die Geschichte der Moderne definiert und konstruiert worden. Aber ich habe keine einzigartige ”reine” Identität. Meine sozial und historisch konstruierte Identität ist eine hybride Mischung. Für mich liegt im Verstehenwollen meiner sexuellen und ethnischen Identität nicht die Absicht, sie zu glorifizieren, sondern vielmehr, meinen Standort in der heutigen Lebenswelt zu klären.

Yoshiko SHIMADA