ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>

James Rosenquist

James Rosenquist

Ein Stückchen Wiese im späten Frühjahr vielleicht, Gras in lichtem Grün, vereinzelt mit Gelb durchsetzt, eine lockere Struktur von Kreidestrichen, ohne festen Grund, darüber in Grautönen ein spiralförmig verdrehter, geplatzter Autoreifen. Nicht abgefahrenes Profil ist der Grund für die Zerstörung. Der ausfransende Rand suggeriert eine über die physischen Grenzen hinausgehende Belastung, eine unkontrollierte Explosion, vielleicht das Scheitern eines Lebensplans durch einen Unfall. James Rosenquist (geboren 1933 in Grand Forks, North Dakota) ist gelernter Werbegraphiker und Reklamemaler und einer der führenden Prota-gonisten der amerikanischen Pop Art. Werbung, die kollektiven Mythen der Warenwelt, die Suggestion eines Paradieses auf Erden ohne Verfall und Tod sind sein Bildmaterial, mit dem er durch bloßes Zitat und präzise Kombinatorik gesellschaftlich relevante und unbewußt wirksame Realien des menschlichen Bewußtseins und Abgründe einer industrialisierten Lebenswelt aufdeckt. Seit Beginn der sechziger Jahre hat er der gegenständlichen Malerei in seinen zumeist großformatigen Gemälden eine neue Dimension eröffnet. "In meinen Bildern müssen die Dinge lebens- und überlebensgroß sein. Ich glaube, dass es möglich ist, einem etwas so nahe zu bringen, daß man hindurchsehen kann. Ich liebe, die Dinge in unerwartete Nähe zu bringen... und zu sagen: Na, wie gefällt es Dir?" (James Rosenquist 1972). Dies gilt auch für das großformatige Pastell "Blow Out" (1970), das ein alltägliches Motiv monumentalisiert zeigt. Hier scheint das Unvorhersehbare auf, jenseits von hochglanzpolierten Karosserien mit aufsehenerregenden Chromleisten, prestigeträchtigen Ledersitzen und PS-Zahlen, Geschwindigkeitsrausch und Traum der Selbstverwirklichung. Hat sich hier menschliches Schicksal, Planen, Lebenskampf, Lebenslust und Lebensglück, entschieden an einem von vier nur wenig mehr als postkartengroßen Gummistücken, die den Kontakt zur Erde bilden? Der nicht nur "American Dream" grenzenloser Raumeroberung scheint an sein unerwartetes Ende gekommen zu sein: "Blow out" heißt Reifenpanne, aber auch "Licht ausblasen, auslöschen, sich eine Kugel durch den Kopf jagen, zertrümmern." Der Reifen liegt auf einer Wiese, körperhaft und zugleich eine Spirale, wie eine in sich verdrehte Straße, entfernt auch an die Doppelhelix einer menschlichen DNS erinnernd, ein Lebensweg von irgendwoher, der immer ein Ende hat. Rosenquists Zeichnung gibt sich so banal und abgründig wie ein dummerweise geplatzter Reifen. DT

Evelyn Weiss: James Rosenquist. Kat. Museum Ludwig Köln 1972