ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>

Giacomo Balla

Giacomo Balla

Der Maler Giacomo Balla, geboren 1871 in Turin und dort 1958 gestorben, gehört zusammen mit Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Luigi Russolo und Gino Severini zu den "Ersten Fünf", den Unterzeichnern des "Futuristischen Manifests der Maler" von Filippo T. Marinetti vom Februar 1910 und damit zu den Begründern der futuristischen Malerei, wobei er erst ab 1912 aktiv am futuristischen Leben teilnahm. Die futuristische Revolte erteilte den in Italien allgegenwärtigen klassischen Kulturtraditionen seit der Antike eine radikale Absage, durch die die Mauern der Museen niedergerissen, Gemälde und Skulpturen der Vernichtung preisgegeben werden sollten. "Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen... ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. ...Wir leben im Absoluten, denn wir haben schon die ewige allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen," heißt es 1909 in Marinettis "1. Futuristischen Manifest". In Gemälden, in der Skulptur, in Wandgestaltungen, in Lesungen und theatralischen Inszenierungen ebenso wie in Modeentwürfen wird das neue Lebensgefühl des 20. Jahrhunderts gesucht, dabei inspiriert vom umfassenden Dynamismus eines universalen Lebensprinzips, das von raumerobernder Technik ebenso getragen ist wie von der Philosophie der Intuition im Sinne von Henri Bergsons "élan vital", dem Vitalismus Friedrich Nietzsches und dessen Verherrlichung des "Übermenschen". Die neuen Bildthemen der Eisenbahnen, Dampfer, Flugzeuge, Automobile und des Lebens in den Großstädten verlangten nach einer eigenen Bildsprache. Nach einer analytischen Phase bis 1915 entwickelt Balla einen Kanon von Kraftlinien, die sich in "synthetisch, subjektiv, abstrakt-dynamischen Formen" zu artikulieren hatten. Balla widmet sich den formalen Analogien zu menschlichen, tierischen, vor allem auch mechanisch-technisch automobilen Bewegungen. Es galt, die Gesetze der Linie der Geschwindigkeit sichtbar zu machen, in synästhetischen Dimensionen kombiniert mit Licht und Geräusch, mit Raum und Volumen, auch dem Erlebnis von Landschaft. Balla ist in diesen Jahren die dominierende Figur der futuristischen Malerei. In dem zusammen mit Fortunato Depero publizierten Manifest "Futuristische Rekonstruktion des Universums" (1915) heißt es: "Wir sind in den innersten Wesenskern des Universums vorgedrungen und beherrschen die Elemente. Auf diese Weise gelangen wir zur Konstruktion." DT

David Elliot: BALLA – The Futurist. Kat. Edinburgh 1987