ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>

Tom Wesselmann, Landschaft Nr.4, o.J.
Spanplatte, beklebt mit Papier, 122 x 152,6 cm
Ludwig Museum Budapest


Tom Wesselmann

Tom Wesselmann (geboren 1931 in Cincinatti) malt Standards des Konsums, die Erlösung von und Freiheit in den alltäglichen Zwängen des kleinfamiliären Daseins versprechen. Wesselmann stellt globale Selbstverständlichkeiten einer Welt dar, in der sich der Traum vom angenehmen Leben für alle im Dasein verwirklicht, um mit Andy Warhol zu sprechen: "Everybody wants to be alike." Das repräsentative Paar im repräsentativen Wagen vor repräsentativer Bergkulisse mit repräsentativem See: Die Welt bietet sich als das dar, was kollektive Hoffnungen der späten Industriegesellschaft in ihr sehen wollen. Der Herr von Stand zog seit dem 18. Jahrhundert von England aus den Rhein hinunter, um auf dem Weg nach Rom zum Studium der Antike die Alpen zu passieren. Der Ursprung des internationalen Tourismus ist in diese Zeit der Aufklärung zu setzen, da das Reisen zum Bildungsgut des Gentleman gehörte, auf der Suche nach dem Erhabenen in Natur und Kunst. Europäische Traditionen sind für Wesselmann wesentlich: Der weibliche Akt, Stilleben, Landschaftsmalerei, dies alles erscheint in bester Tafelbildtradition. "Landschaft Nr. 4" ist eine vollendete akademischen Komposition, nahezu wenigstens. Das Auto als Repoussoir und Maßstab gesellschaftlichen Erfolgs der Protagonisten wird so zum Identifikationsparameter für den Betrachter. Der blaugraue See suggeriert Tiefe und Weite, die der Monumentalisierung des dahinterliegenden Berggipfels dient und damit zur Überhöhung des Eindrucks einer die Seele weitenden Erhabenheit beiträgt. Doch ist alles nur Fiktion, das Zusammenspiel der touristischen Versatzstücke ist als Collage entwickelt. Es ist die Ästhetik einer Industrie, die unter den Auspizien der freien Marktwirtschaft auf die Kollektivierung des Bewußtseins aus ist. Denn schon in den sechziger Jahren ist die Welt mediatisiert, durch Fotografie und Printmedien, durch Fernsehen und allgegenwärtige Reklame. Dadurch erst scheint sie wahr und nur so wahrnehmbar. Träume sind so machbar, bezahlbar und mühelos alljährlich im Urlaub wiederholbar zu durchleben. Das Paar reist, wohlanständig gekleidet, durch die Kulisse von Derivaten einer zum Industrieprodukt herabgesunkenen Ästhetik, auf der (verzweifelten) Suche nach dem individuellen Erlebnis in unberührter Natur, geschützt in der verglasten Beobachtungskabine für nahezu jedermann. Das industrielle gefertigte Ziel ist erreicht, der Kreis hat sich geschlossen, und (fast) alle sind dabei. Für die amerikanische Pop Art, zu der Tom Wesselmann seit Beginn der sechziger Jahre gehört, war Vance Packards Buch "Die geheimen Verführer" (1958) eine Offenbarung, suggerierte doch die Konsumindustrie grenzenlose Befriedigung aller Wünsche des Daseins, sofern sie industriellen Standards in Produkten und Dienstleistungen entsprachen. Der "Point of Sale” wurde zum "Point of no return”. DT

Thomas Buchsteiner, Otto Letze: Tom Wesselmann 1959-1993. Kat. Tübingen 1994