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Mónika Sziládi, Lívia und Tibor és Dezső, zwei Fotografien aus der Serie Still, 2006, Fotografie / Lambda-Print (Chromogenic-Print), je 125 x 100 cm

Mónika Sziládi

Tibor legt die Tonbandkassette zurück in die Plastikhülle, Livia hängt Wäsche auf einen Wäscheständer, Bence räumt auf und Peter setzt den Stempel auf ein Formular. Sie verrichten ganz alltägliche Handlungen – und sie verrichten diese im Augenblick der fotografischen Aufnahme wiederum nicht. Monika Sziladis Protagonisten der Serie „Stills“ (2006) verharren in einer seltsam eingefroren wirkenden Position. Es sind keine Momentaufnahmen, die spontanen Schnappschüssen gleichen. Dorottya, die das Bügeleisen auf einem Wäschestück abgestellt hat, scheint in Gedanken versunken länger diese Haltung beibehalten zu können – bedenklich lange! Keiner der Dargestellten erweckt den Eindruck umtriebiger Geschäftigkeit, sondern einer Beständigkeit über die Dauer der Aufnahme hinaus. Sie vermitteln nicht die Illusion von Aktion, aus der nur ein kleiner Ausschnitt fotografisch überliefert wird. Selbst paarweise auftretende Protagonisten erscheinen isoliert in ihrer Beziehung zueinander, da sie keinerlei Blickkontakt miteinander aufnehmen.

Monika Sziladi stellt ihre Darsteller vor eine konkrete Aufgabe: Ihre Freunde und ihre Familie sollen Schauspielern ähnlich augenscheinlich einer gewohnten Handlung vor der Fotokamera nachgehen, jedoch darin innehalten und an nichts denken. Ihre Blicke erstarren in dieser Gedankenverlorenheit, die in eine entfernt liegende Realität führt. Es ist diese Einkehr in sich selbst – das Nachspüren von Gefühlen, das alle Protagonisten mit der Fotografin verbindet. Die Künstlerin erlitt einen Unfall, in dessen Folge eine Operation an der Wirbelsäule notwendig wurde – eine äußerst schmerzhafte Erfahrung, die ihr bis dahin unbekannt war. Um nicht alleine diese Gefühle der Mattigkeit, der Schmerzen und Traurigkeit erleiden zu müssen, bezog sie ihre Umwelt mit ein. Wenn andere tatsächlich „mitzufühlen“ schienen, half es ihr, diese Gefühle verstehen und überwinden zu lernen. Die Künstlerin stellt sich die Frage, inwiefern dies gelingen kann – können Außenstehende tatsächlich in die Gefühlswelt anderer eindringen und sich mit der leidenden Person identifizieren? Geben die von ihr Fotografierten nur vor, gedankenverloren den weiteren Vollzug ihrer Handlungen aufgegeben zu haben, oder sind sie wirklich entrückt? Haben sie die Kamera ignorieren können? Fühlten sie sich unbeobachtet?

Wenn Monika Sziladi diese Fragen an ihr Werk richtet, öffnet sie uns eine weitere Ebene der Betrachtung. Der noch jungen Künstlerin, die in Paris studierte und danach in New York und in Budapest Fuß fasste, ermöglicht der internationale kulturelle Austausch eine Betrachtung von Befindlichkeiten aus einer neuen Perspektive. Sie ist an den sehr ruhigen, sinnierenden Momenten im Alltag ihrer Mitmenschen interessiert – sie beobachtet gleichermaßen ungarische wie amerikanische Personen ihres Umfeldes. In beiden Ländern bewahrt sie eine gewisse Distanz, um den Stimmungen genauer nachspüren zu können. Sie lässt diese für die Fotokamera inszenieren, indem sie vorgebe, selbst solche Gefühle zu haben, die sie mit anderen teilen möchte. Nüchtern betrachtet hält sie Bilder von Menschen mit ihrer Kamera fest, die weder mit der Künstlerin noch mit uns Betrachtern in Kontakt treten. Sie zeigt Aspekte der Isolation, einer Melancholie ähnlich, die jeden in der Routine und Gleichförmigkeit des Alltags befallen kann.

Literatur: www.msziladi.com – Statement der Künstlerin zu ihrem Werk


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