Author:   H. Borowski  
Posted: 14.04.2004; 11:51:59
Topic: Oda Projesi | d
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Oda Projesi:
SATILIK GECEKONDU (Gecekondu zu verkaufen), 2004

Plakatprojekt im städtischen Raum,
s/w, 356 x 252 cm
Oda Projesi


Das Organische als Modell

Die Künstler von Oda Projesi, frei übersetzt »Zimmer Projekt«, stehen bei ihrer Arbeit in direktem Kontakt mit Menschen und der Öffentlichkeit. Für die Arbeitsweise der Künstlergruppe charakteristisch sind Annäherungsprozesse, die gegenseitiges kennen lernen, Kommunikation, direkte Teilnahme und Interaktion ermöglichen. In gewisser Hinsicht entspricht diese Herangehensweise dem aktuellen Interesse der westlichen Kunstintelligenz an Projekten, die sich mit Phänomenen sozialer Gemeinschaft beschäftigen. Es besteht jedoch ein wichtiger Unterschied: Oda Projesis Arbeit geht stets von einem organischen Experiment aus - nicht von einer anti-institutionellen Kritik.

Es entspricht nicht ihren Intentionen, eine Objekt bezogene und langweilige Disziplin der selbst ernannten Autonomie von den äußeren Zusammenhängen zu pflegen. Sie möchten ihrer Kunst auch nicht die Methodologien anderer Disziplinen einverleiben, so wie man es in den letzten Jahren bei vielen Künstlern sieht, die das anthropologische Konzept der »Feldarbeit« zur künstlerischen Praxis erheben. Die Motivation, die Oda Projesi anspornt, lässt sich nicht aus professionellen Betrachtungen herleiten, sondern vielmehr aus persönlichen und existentialistischen Problemstellungen: wie zum Beispiel die Interpretation des Nebeneinanders, das die Künstler in einem schizoiden sozialen Gefüge vorfinden und auch selbst erleben; oder die Frage wie sich ihre eigene jeweilige soziale Stellung unterscheiden lässt um dann daraus eine dritte Sprache im Dialog mit den Gruppen abzuleiten, die als die schlechter gestellten »Anderen« angesehen werden; oder wie sie sich selbst in dieser, sich ständig weiterentwickelnden Sprache situieren.

Oda Projesi stützt sich auf die Beziehungen zwischen drei Hochschulabsolventinnen der Fine Art Academy, Istanbul zu den Kindern und Familien aus der Nachbarschaft ihres Ateliers im Stadtteil Galata. Nachdem sie schon häufiger Malerei-Projekte mit den Kindern durchgeführt hatten, beschlossen die Künstlerinnen auch die Familien der Kinder und andere Künstler einzuladen, um so das jahrelange »Nebeneinander-her-Leben« durch Kunstveranstaltungen zu bereichern. Als die Mitglieder der Künstlergruppe auch in andere Kunstinstitutionen eingeladen wurden, versuchten sie die Erfahrungen, die sie mit der gewachsenen Beziehung zu den Bewohner von Galata gemacht hatten, auch für andere Kontexte nutzbar zu machen. Da die physischen und finanziellen Mittel dieser Institutionen begrenzt waren, musste das Modell flexibel sein und teilweise verändert werden. Es lässt sich in der Arbeit von Oda Projesi eine gewisse Interessenverlagerung beobachten: von einzelnen Wohngegenden hin zu eher makro-orientierten Konzepten. Beispielsweise haben sie die Thematik der Infrastrukturmängel im nationalen oder großstädtischen Raum aufgegriffen, die durch die Debatte über die Erdbeben in der Türkei an Aktualität gewonnen hat, oder es wurden – vergleichbar zu Projekten in anderen Ländern – umfangreiche Themen behandelt, die sich mit Unterschieden in Sprache und nationaler Kultur beschäftigten. Diese neuartige Möglichkeit sich innerhalb des institutionellen künstlerischen Diskurses auszudrücken, scheint Auswirkungen auf ihre eingangs erwähnte, außerinstitutionelle Position zu haben. Obwohl sie den organischen (gewachsenen) Qualitäten ihres ursprünglichen Modells verbunden bleiben, obwohl sie neue Arbeitsmethoden anwenden, die sich von den traditionellen, institutionellen unterscheiden, und trotz dem Versuch neue, »dazwischen liegende«, »dritte« Positionen zu finden, haben eine veränderte Zielgruppe und eine diverse Rezeption der Arbeiten die Künstlerinnen dazu bewegt, auch die Projekte strukturell anzupassen.

Neben der Problematik der Anerkennung von solchen gemeinschafts-basierenden Projekten bei den Entscheidungsträgern der Kunstwelt, müssen eine Reihe von für die Türkei charakteristischen Bedingungen näher betrachtet werden: die Stadt Istanbul entwickelt sich zur zentralen Macht innerhalb ihrer unmittelbaren Umgebung; die Tendenz zur Institutionalisierung in der radikalen und experimentellen Kunstszene; die politische Normalisierung der Türkei im Allgemeinen; die Mäßigung von konservativen Kräften nach der Amtsübernahme der AKP; die Urbanisierung und Eingliederung der Menschen, die in den 1960er bis 1980er Jahren vom Land in die Städte zogen; folglich nimmt die Zahl der Gecekondus ab und es entstehen neue, noch undefinierte Lebensräume...

Text: Erden Kosova