Call me ISTANBUL ist mein Name

Eine Ausstellung des ZKM | Karlsruhe
im Rahmen der Europäischen Kulturtage 2004

18. April - 8. August 2004 Eröffnung : 17 April 2004, 16 Uhr

Byzanz. Konstantinopel. Istanbul. Die Unstetigkeiten und Veränderungen Istanbuls greifen tiefer als die wechselnden Namen einer Stadt, die über fünfzehnhundert Jahre lang Hauptstadt eines Kaiserreichs war, sich jedoch nie dem westlichen Ideal einer exakten Planung anpasste. Festgeschriebene Gesetze eines Gesamtplans hätten jedoch nie derartig lebendige Stadteile hervorgebracht wie etwa Kasimpasa oder Tarlabasi. Scheinbar setzt sich Istanbul über alle Vorschriften hinweg und erhebt stattdessen Maßlosigkeit, Zufall und Chaos zu den Elementen seines Gesamtplans. Es sind nicht nur die Monumente und öffentlichen Plätze, für die Istanbul berühmt ist, die das Gesicht der Stadt bestimmen. Unter ihrer Oberfläche und jenseits ihrer Türme eröffnen sich andere Welten - enge und intime Gassen, Schatten, hinter denen sich Erscheinungen verbergen, Orte des Zufalls und Pforten zu Abwegen. Diese nächtlichen Brüche und verborgenen Risse sind ebenso Bestandteil des städtischen Gewands Istanbuls wie sein Erscheinungsbild bei Tage und sein sonnendurchflutetes Ganzes.

So sehr Istanbul eine Stadt antiker Ikonen und der Konzentration auf das Sichtbare ist, so sehr ist sie zugleich auch eine Stadt des Hörbaren – der flüchtigen Geräusche und des akustischen Geschehens. Diesem akustischen Geschehen verschafft die Ausstellung in Karlsruhe in kritischer Weise Gehör. Wie im gewaltigen urbanen Raum der realen Stadt multiplizieren sich auch im Ausstellungsraum vielfältige und unerwartete Ereignisse: Material fluktuiert. Geräusche absorbieren Stoffliches. Bilder und Gerüche, Strukturen und Stimmen vermengen das Tierische, das Technische und das Menschliche.

Come whoever you are. Istanbul ruft
Lange bevor Rem Koolhaas New York ‚las‘, schrieb Istanbul das Wort delirious in das Drehbuch der urbanen Fantasien. »Nicht unsere kritischen Fähigkeiten sondern die Struktur unseres Raumes schützen uns vor Delirium oder Halluzinationen«, schrieb Merleau-Ponty. Im Falle Istanbuls gibt es keinen solchen Schutz. Das Bild Istanbuls und das Thema Architektur sind stets miteinander verbunden. Seine Tore, Moscheen, Paläste und Mauern ziehen Besucher aus allen Ländern an, seine Harems und Minarette werden seit Jahrhunderten in Gemälden und Stichen wiedergegeben, während heute seine Slums und behelfsmäßigen Wohnbautenbedeutende Fragen der Migration und Entwurzelung aufwerfen. Daher präsentiert die Ausstellung keine Modelle der Hagia Sophia oder Entwürfe für den Taksim Platz, sondern zeigt Wege auf, wie Istanbul funktioniert – als eine Art kreativer Prozess, eine fast genetische Kraft, die für Probleme der menschlichen Bedürfnisse eigenständig Lösungen, auch in Fehlern, findet. Das Sammeln von Müll wird durch den Straßenhandel zum Erfolg; Rufe zum Gebet ordnen Raum und Zeit; Stadtviertel und Nachbarschaften entstehen aus Unbeständigkeiten und Widersprüchen. Architektonische Irrläufer überzeugen in Istanbul mehr als ‚wahre‘ Architektur. Eine der Stärken der Stadt ist es, das Dysfunktionale funktionsfähig zu machen - die Stadt als autopoetisches System, als sich selbst organisierendes Modell.

In gewissem Sinne konnte in Istanbul die Zukunft immer gelesen werden. So sollte Istanbul, bald nachdem Rom der Schauplatz der kaiserlichen Macht war, dessen Nachfolge als Hauptstadt des römischen Kaiserreichs antreten. War Istanbul zur Zeit nationaler Städte eine Weltstadt, so ist es jetzt, im Zeitalter der globalen Städte, zu etwas Anderem geworden – einem neuen Stadt-Territorium, das schon heute einen Ausblick gibt auf die nicht-linearen Normen und strukturellen Entwicklungen der Zukunft. Die Ausstellung bezeugt den fruchtbaren Dialog, der im Moment zwischen Istanbul als einem neuen städtischen Ballungsraum und Architekten, Künstlern, Städteplanern, Designern und Forschern stattfindet, die innerhalb dieses Raumes denken, arbeiten und experimentieren. In ihren Ateliers und Laboratorien werden die Grundmaterialien des urbanen Raumes gedehnt und geformt und - in einer Kombination aus altem Handwerk und neuer Technologie, getrieben von Überlebensinstinkt, Anspruchslosigkeit und einer nervösen Art von Vertrauen – in Ideen, Bilder, Informationen, Geräusche, Installationen und Texte verwandelt. Als wir mit den Vorarbeiten für diese Ausstellung begannen, stellten wir sie uns als eine Schnittstelle vor, die zwischen dem oberflächlichen Erscheinungsbild und den tieferen Strukturen der Stadt vermitteln sollte. Im Laufe der Zeit begannen wir, sie als durchlässige Membran zwischen Raum und Zeit zu sehen, eine Art transparente Folie zwischen dem Istanbul der Gegenwart und dem Europa der Zukunft. Man kann den Ausstellungsraum auch als Schnittstelle begreifen, die für einen Moment das Gefühl vermittelt, in einer Spalte, einem Intervall, einem Riss zu ‚hängen‘, der sich zwischen Gegenwart und Zukunft, Istanbul und Karlsruhe, Türkei und Europa erstreckt.

We call you Istanbul, but what will you become?
Was meinen wir, wenn wir den ersten Satz von Herman Melvilles berühmtem Roman »Moby Dick« (1851), »Call me Ishmael«, paraphrasieren? Diese Frage ist nicht nur für die Zukunft Istanbuls, einer Stadt mit ca. 17 Millionen Einwohnern von Bedeutung. Spiegelt sich hier nicht auch die Zukunft Europas? Zuwanderung, Klassenkonflikte, Informationstechnologie, illegale Einwanderung, Schwarzmarkthandel, Unregelmäßigkeiten auf dem Immobilienmarkt, Wohnraumknappheit, Veränderungen des Arbeitsmarktes, Selbstmordattentate, globales Unternehmertum und Konkurrenzdruck bestimmen zunehmend die Art und Weise, wie Menschen Stadtlandschaften organisieren und begreifen. Wenn Istanbul ein Vorbild für die zukünftigen Multi-Städte Europas ist, so müssen wir das flexible und vibrierenden System verstehen, das Istanbul heute charakterisiert. Diese Ausstellung ermöglicht die Begegnung mit einigen der Signale, die von dieser Metapolis ausgehen.

»Call me Istanbul«

The impossible city. The divided city. The unsolvable city.
Over the past two thousand years, I have worn a hundred names.
It has been said that every civilization wants to name me,
for having control over me means having control over the world.
Listen to my names: Ümmü’d-dünya, Deraliyye, Asitane, Darü’l-islam.

I carry all the world’s rivers in my veins and all of her languages in my soul.
The Bosphorus is my tongue, the Black Sea my unconscious.
My earliest recorded name was Licus.
For most of antiquity, I was Byzantium.
When the Greeks referred to Polis, the city, no other one was imagined.
Under the Romans, I wore many names, like the clothes of emperors: Augusta Antonia, Antusa, Deutera Roma, Nova Roma, Urbis Imperiosum, Megalipolis, Kospoli.
And most famously, Konstantinoupolis, after the Roman Emperor Constantine, who moved the capital from Rome to Byzantium in 330 AD.

Under Ottoman influence, Konstantinoupolis became Konstantiniye,
while in the West the name was adapted to Konstantinopel, Constantinopoli and Constantinople.
The Ottomans gave me other names as well, like Dersaadet
- »the seat of bliss«. After Sultan Mehmet II conquered the city in 1453, I was dubbed Istanbul, after the Greek phrase »eist enpolin« [to the city].
Devout Turks called me Islambol - »where Islam abounds«.
To my Balkan neighbors, I am still tzarigrad, the emperor’s city.

Don’t stand at the gates.
Come, whoever you are.
Call me Istanbul.

Roger Conover