Kuratorische Konzepte : Heather Stoddard

Goldene Buddhas aus Tibet
»Rekonstruktion« der Fassade einer Stupa aus Densathil



Das tibetanische Kloster Densathil wurde während der Kulturrevolution von 1966 bis 1978 vollständig zerstört. In dieser Zeit sowie in den letzten zwanzig Jahren wurden hunderte dieser herausragenden, prächtigen goldenen Bildwerke aus den achtzehn Stupas und der Eingangshalle entfernt und über die steilen Berghänge ins Tal hinuntergetragen oder - geworfen. Mit Yaks oder Lastwagen wurden sie außer Landes gebracht, nach China, und auf dem internationalen Markt an Museen und Privatsammlungen in der ganzen Welt verkauft. Die Zerstörung dieses alten königlichen Klosters Mitte des 20. Jahrhunderts ist nur ein tragisches Beispiel für tausend andere, die sich auf der ganzen tibetanischen Hochebene abspielten.

Zentrum der Installation »Goldene Buddhas aus Tibet« ist die teilweise Rekonstruktion der Fassade einer der achtzehn vergoldeten Stupas aus Kupfer. Aufgrund der Tatsache, dass im Gegensatz zu vielen anderen Anlagen eine große Zahl identifizierbarer Bilder aus Densathil in den Westen gelangten und alte Fotografien aus den 1940er Jahren vorliegen, wird es zu einem späteren Zeitpunkt wohl möglich sein, eine umfassendere Rekonstruktion in Angriff zu nehmen.

Die reich verzierten Stupas, die dem »Nepalesischen Stil« zugeordnet werden, entstanden während der dreihundert Jahre währenden Herrschaft der Phagmodru-Myriarchy von Tsethang [spates 14. - frühes 17. Jahrhundert]. Nach dem Ableben eines der Prinzen sowie deren Cousins, den Äbten des Klosters, wurde eine neue Stupa entworfen und gegossen. Jede Stupa schmückte eine prächtige Girlande goldener Statuen; und das Kloster selbst wurde als einer der großen religiösen Schätze Tibets angesehen. Im 14. Jahrhundert wurden die Phagmodru Vassallen der mongolischen Herrscherdynastie, die beträchtliche Geschenke vom Hof in Peking erhielten. Die beiden hervorragendsten Stupas, die fotografisch dokumentiert sind, stammen aus dieser Zeit: die um 1365 entstandene Stupa war eine Reliquiar für den Begründer der Myriarchie, Changchub Gyaltsen [1302-1364]; die zweite, um 1374 entstanden, wurde nach dem Tod seines Nachfolgers, Jamyang Shakya Gyaltsen [1340-1373], angefertigt. Historischen Quellen zufolge, wurde die erstgenannte Stupa von 2.800 freistehender Statuen von ungefähr 30 cm Höhe geschmückt, und die zweite von 3.900 Standbildern etwa gleicher Größe. Auch die übrigen sechzehn Stupas waren mit einer großen Anzahl prächtiger und glänzender vergoldeter Kupferstatuen geschmückt.

Die Schaffung dieser »Stupas der Hundertausend Statuen« ist bei weitem erstaunlicher als die ideologische Hysterie und die Gier, durch die sie zerstört wurden. Das ursprüngliche »Ried-Hütten«-Kloster, das 1158 von dem großen, aus Osttibet stammenden Yogi Dorje Gyelpo [1118-1170] gegründet worden war, befand sich auf einem eindrucksvollen Felsplateau, 4.500 m über Meereshöhe gelegen und damit gut zwei Stunden Fußmarsch über senkrecht abfallende Felswände vom Tsangpo [Brahmaputra] Fluß entfernt.
Ermöglicht wurde das Verhütten von Metall und das Gießen tausender Statuen in einer Höhe von 4.5000 m, weit entfernt von jeder menschlichen Siedlung, zweifellos durch die geomorphologische Beschaffenheit des Tales, das durch seine Form den Wind schnell nach oben schleußte, und durch das im Überfluss vorhandene Wacholder-Holz. Alles begann im Jahre 1192 als sechshundert Menschen ihrem spirituellen Meister zu Ehren einen großen Tempel errichteten. Dieser soll 140 Säulen besessen haben, und selbst heute bemessen sich die Außenwände der Ruine noch auf beeindruckende 37,80 x 32,8 x 8 m. Wie drei berühmte Reisende bezeugen, war das Kloster noch bis zur Kulturrevolution völlig unversehrt.

Der bengalische Entdecker Sarat Chandra Das notierte am 23. November 1882 in seinem Tagebuch: »Dieser Tempel unterscheidet sich beträchtlich von allen derartigen Gebäuden, die ich bisher in Tibet gesehen habe. Der Grundriss ähnelt eher dem eines modernen Gebäudes in Bengalen. Mir sind hier achtzehn wunderschöne Chorten aus Silber und Kupfer aufgefallen, die prächtigsten Exemplare solcher Art Metallarbeit, die ich je gesehen habe. Von der Decke hingen sechs goldene Tafeln von sechs Fuß Länge und sechs Inches Dicke, und in einer Ecke des Raumes befanden sechs weitere Ansammlungen ähnlicher, aber kleinerer Tafeln. () Unter allen Klöstern Tibets ist dies wohl am reichsten an religiösen Schätzen, und die Regierung in Lhasa trägt besondere Sorge für seinen Erhalt.«

1946 schrieb der italienische Gelehrte und Entdecker Giuseppe Tucci in seinem Buch Nach Lhasa und weiter: »Die Tsetang-Prinzen müssen die besten Architekten und Bildhauer dieser Zeit ausgewählt haben () Diese Chorten werden zu Recht 'Kumbus', d.h. hunderttausend Statuen, genannt (), denn die Gebäude waren über und über mit unendlich vielen Schnitzereien und Reliefs bedeckt. Der gesamte Olymp des Mahayana-Buddhismus schien auf diesen Bauten versammelt. Als der Schein meiner Fackel auf die Chorten fiel, wurden die mannigfaltigen Figuren lebendig: ihre goldenen Umrisse hoben sich strahlend von dunkleren Farbtönen ab, traten aus tiefen Schatten hervor.« [1]

Waren es das glänzende Gold, die geheimnisvollen »degenerierte« Gottheiten, die »Gier« des Klerus, die »blinde Glaube« der Tibeter, welche die gewaltsame Reaktion Maos und der Kommunistischen Partei hervorriefen? War es der heftige Zorn der Kulturrevolution, das Außer-Kontrolle-Geraten der »breiten Masse« Jugendlicher? Schaffte das Hinweg-Fegen »schädlicher Insekten« den so notwendig gebrauchten Raum für die Erschaffung eines neuen Menschen, einer modellhaften Gesellschaft, einer internationalen Bewegung gegen die Unterdrückung durch die herrschenden Klassen der Welt, neuer Kunstformen, die dem Volk dienlich sein sollten? Inwieweit gelang China die Schaffung dieses Ideal-Bildes der Menschheit? Was steckt hinter diesem leidenschaftlichen Gebrauch von Bildern auf beiden Seiten? Worin liegt die Stärke eines »religiösen Bildes« im Vergleich zu Bildern aus dem Bereich der Erziehung oder der Kunst, mit deren Hilfe im 20. und 21. Jahrhundert die menschliche Existenz vermittelt wird? Wie kommt es, dass, sobald »politischer« Druck nachlässt, »religiöse« Bilder sofort wieder präsent sind? Wie kommt es, dass »laienhafte« Sammler in der ganzen Welt selbst beschädigte, zerstörte Bilder wertschätzen, die brutal aus ihrem eigentlichen Zusammenhang herausgerissen wurden?

- > Weitere Informationen zu diesem Projekt [englisch]

[1]

Sarat Chandra Das, 23. November 1882; Kathog Situ [1880-1924], »Führer zu den Heiligen Stätten Zentraltibets«, dBus.gTsang gNas.yig, Lhasa Gangs.can Rig.mdzod Bd. 33, S.178-185, Reise nach Zentraltibet, 1918-1920; Giuseppe Tucci, 1946, in seinem Buch »Nach Lhasa und weiter«, Rom 1956, S. 126-127.
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+ Biografie

Orientalistin, Wissenschaftlerin am Institut National des Langues et Civilisations Orientales [CNRS], Paris, Frankreich

Der Forschungsschwerpunkt von Heather Stoddard-Kamay liegt auf tibetanischer Literatur und Bildtheologie und -praxis sowie der Bilderverehrung im Buddhismus.

Zu ihren wichtigsten Publikationen zählen:
Le mendiant de l'Amdo, Paris 1985; Tibetan Vernacular Architecture: Namseling Manor, in: CIAA-Circle of Inner Asian Art, Newsletter #6, November 1997; The Development in Perceptions of Tibetan Art: From Golden Idols to Ultimate Reality, in: Thierry Dodin/Heinz Rather (Hgg.): Imagining Tibet : Perceptions, Projections, and Fantasies, 2001.

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