Kuratorische Konzepte : Joseph Leo Koerner

Ein verborgener Gott?

Diese Zelle stellt den Ikonoklasmus zur Schau, welcher implizit in religiösen Bildern selbst zu finden ist. Mit dem Beispiel der zentralen Ikone des Christentums, den leidenden Christus, untersucht die Zelle das Paradoxon zentral für ein Jahrtausend europäischer Bildproduktion, einen verborgenen Gott zu visualisieren: Christus, das vollkommene Abbild des Gott-Vaters, ist unsichtbar in seinem schrecklichen Tod. Christus war in vielen Hinsichten bilderstürmerisch: die heidnischen Idole zerbröckelten vor ihm; seine Jünger marterten sich eher als sie ein Portrait des Imperators verehrten; sein Tod stürzte die Gleichstellung des Schönen mit dem Guten und Wahren, welche in der antiken Kunst verwirklicht wurde, um; und sein Leiden beschämte Vision und Veranschaulichung. Und dennoch zogen Ikonoklasten, vor allem protestantische, einen besonderen Genuss daraus, Kruzifixe zu zerschlagen. Im Mittelpunkt dieser Zelle steht ein Michael Wolgemut zugeschriebenes Skizzenbuch, welches brutale Szenen der Folter Christi mit Verunstaltungen kombiniert, die ein Leser, erzürnt über die dargestellten Peiniger, zufügte; sie stellt Bilder ikonoklastischer Gewalt, welche an Kreuzen verübt wurden mit brutalen Bildern des gekreuzigten Christus nebeneinander. Wenn/Indem man die Ikone als Ikonoklasmus ausstellt, fragt sie »Was vernichtet der Bilderzerstörer eigentlich?«

Angesicht / Gesichtsberaubung [Face / Deface]

Diese Zelle zeigt den Ikonoklasmus in einer seiner typischsten Gesten: die Gewalt, die dem Gesicht eines Bildes gilt. Durch diese Abkürzung des Angriffs auf die ganze Effigie, lässt die Gesichtsberaubung [»defacement«] paradoxerweise das Bildnis lebendig erscheinen, und hinterlässt ein Antlitz im Schauspiel eines zerbrochenen Idols. Daher zeigt diese Zelle Entstellungen als Gesichter und Gesichter als Entstellungen: Ansichtigkeiten von Gott, vor allem das sogenannte Heilige Antlitz, jedoch in seiner zweifachen Inkarnation als schönes [ideales Porträtbildnis von Christus] und hässliches [Porträts des leidenen Christus]; Ikonen, welche Angriffe auf die Gesichter der repräsentierten Personen aufweisen; metaphorische Verunstaltungen, im Speziellen in anti-katholischer visueller Propaganda; und letztendlich »sinnfällige« Gesichter, in welchen ein Portrait den Anspruch erhebt, über die Form der Gesichtszüge einer Person deren [guten oder schlechten] Charakter einzufangen. Durch diese Konstellation rückt eine Verwandtschaft zwischen Bilderherstellern und Bilderstürmern ins Blickfeld.

Der kahlgeräumte Altar

Diese Zelle legt ein exemplarisches ikonoklastisches Schauspiel, oder eher Anti-Schauspiel dar: einen an Bildern beraubten Altar. Für Protestanten vom sechzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert bedeutete die Reformierung der Christlichen Kirche die Säuberung ihrer Stätten. Es war das entscheidende Entfernen all dieser Gegenstände, die die Kirche zu einem speziellen Ort machten, nämlich, der Altar und seine heiligen Objekte und Ornamente. Die kahle Altarmensa war nicht nur das Ergebnis von Ikonoklasmus, sondern auch ein visuelles Symbol dafür; als solches wurde es auch zu einem Bild wie diejenigen, die es ersetzte. Diese Zelle vereint den vor-ikonoklastischen Altar, als einen Ort sowohl von Präsenzen [durch Zurschaustellung von Eurachistie, Relikt, Bild und Priesterschaft] als auch von Absenzen [z.B. durch seinen Symbolismus als leeres Grab Christi]; und es vereint diese [beiden Aspekte] mit den paradoxen Eindrücken, welche welche sich ergeben, wenn der Altar kahlgeräumt ist.


 

+ Biografie

Joseph Leo Koerner

Kunsthistoriker, Professor am Department of History of Art des University College London

Nach dem Studium der Philosophie und der englischen und deutschen Literatur in Yale, Cambridge und Heidelberg wechselte Joseph Leo Koerner durch seine Arbeit über Caspar David Friedrich zur Kunstgeschichte und verlegte seinen Forschungsschwerpunkt auf deutsche Malerei von der Renaissance bis zur Gegenwart. Von 1989-1999 hatte er den Lehrstuhl für nordeuropäische Kunst von 1300 bis zur Gegenwart an der Harvard University inne und lehrte dort Kunst- und Architekturgeschichte, 2000 lehrte er am Lehrstuhl für Allgemeine Kunstgeschichte der Universität Frankfurt, seit 2001 unterrichtet er am Department of History of Art des University College London.
1992 erhielt er den Mitchell Prize for the History of Art.

Zu einen wichtigsten Publikation zählen: The Moment of Self-Portraiture in German Renaissance Art [1993] und Caspar David Friedrich: Landschaft und Subjekt [München 1998]; Hans Baldung Grien: Buchholzschnitte aus Augsburger Beständen; Ausstellungskatalog im Maximilianmuseum Augsburg 1992; The printed world of Pieter Bruegel, the elder, Ausstellungskatalog Cambridge 1995.