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[text] Korpys/Löffler [2]

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Konspiratives Wohnkonzept »Spindy«

von Korpys/Löffler

Der mit dem Trommelrevolver schrie dann immer: »rüber, rüber, rüber». Von mir persönlich haben die dann auch kein Geld bekommen. Es war ja dann auch noch ein Fischhändler anwesend, der hatte sein ganzes Geld vor sich aufgebaut, das müssen wie immer so ungefähr zehntausend Mark gewesen sein, aber das blieb dann so liegen, das haben die nicht mitgenommen. Die Pakete haben denen wohl gereicht.

Als die vor mir stand, hab ich noch gesagt: »Lassen Sie doch den Quatsch, was soll denn der Blödsinn.«
Die war ja nur so ca. einmetersechzig, wenn sie groß war. Die hab ich nicht für voll genommen. Dabei hatte die ein richtiges Kaliber, keinen Revolver, sondern eine Pistole, wie man mir später sagte, Kaliber 9 mm Magnum. Im Hintergrund stand dann einer mit einer Maschinenpistole und behielt alles im Auge und an der Nebenkasse stand einer mit einem Trommelrevolver. Alle so um die 30, ganz normal gekleidet und unmaskiert und das war dann auch deren Vorteil, denn jeder beschrieb die Leute nachher anders. Der mit der Maschinenpistole gab dann immer die Kommandos. Das ging ja blitzschnell, innerhalb von zwei bis drei Minuten war alles vorbei. Dann rief der mit der MP: »Jetzt raus, raus, raus« Das wirkte alles richtig militärisch und es war ja auch so einfach.

Drei Monate später wurde ich dann von zwei Kripobeamten abgeholt und wir fuhren in so einem klapprigen alten Mercedes nach Hannover in die Wohnung.

Meine Aufgabe war es, die Banderolen zu identifizieren und festzustellen, ob es sich dabei um den gesamten Betrag handelte, was ja nicht so einfach war, denn damals war es durchaus üblich, daß unter der fünf- oder zehntausender Banderole noch einmal zehn einzelne kleine waren. Wenn man nun alle Banderolen hingelegt hätte und versucht hätte, auf die volle Summe zu kommen, wäre man nun nicht auf fünfhunderttausend, sondern eher achthunderttausend gekommen. In fünf Minuten hatte ich dann raus, daß es sich dabei um den vollen Betrag handelte. Man wollte wohl wissen, ob die noch was vergraben hatten, oder ob das alles war.

Auf dem Weg nach Hannover machen sich dann meine beiden Begleiter über ihre Hannoveraner Kollegen lustig. Die haben sich halb totgelacht über die Hannoveraner, denn sie haben die Wohnung Wochen und Monate lang beobachtet, ehe sie reingingen, weil sie merkten, daß die Wohnung nicht mehr benutzt wurde, aber unter die Abdeckplane auf dem Balkon haben die erst Wochen später nachgesehen und den Spaten und die Geldbanderolen gefunden.

Mit dem Fahrstuhl fuhren wir in den vierzehnten Stock und kamen in die Wohnung, wo so eine Enge herrschte, denn es befanden sich bestimmt 10 bis 12 Personen dort, zum Teil mit Gummihandschuhen und Pinseln, um nach Spuren zu suchen. Wenn man durch den Flur reinkam, befand man sich in dem Wohnzimmer, so ca. 25 Quadratmeter groß, von dem auch der Balkon abging.
Zwei Matratzen lagen rechter Hand vom Flur aus gesehen - ob die nun bezogen waren, weiß ich nicht mehr -, ein einfaches Regal und ein Kofferradio, auch nichts Besonderes.

Die Wohnung machte einen relativ ordentlichen Eindruck - nicht besonders dreckig und auch keine vollen Aschenbecher oder dicke Flecken auf dem Boden; es hingen sogar Gardinen vor den Fenstern. Auf dem Balkon lag noch die Abdeckplane, das war so eine farblose und schmutzige, zusammengefaltete Plane, ich schätze mal so 12 Quadratmeter groß.

Einige Zeit später sind wir dann mit einem VW-Bus nach Hamburg ins Untersuchungsgefängnis gefahren. Wir bekamen alle ein Fernglas und sollten unten auf dem Hof eine Frau identifizieren, aber die wußte auch, worum es ging, denn die ging so geduckt und wir waren auch viel zu weit entfernt. Anschließend wurden wir in einen Verhörraum gebracht, wo überall Frauen herumsaßen, die sich ulkig benahmen. Die eine drehte sich weg, die andere schnitt Grimassen , andere kniffen ihre Augen zu. Ich bin dann mit dem Kripobeamten raus, denn ich war mir ziemlich sicher, daß ich die eine wiedererkannt habe, aber um das genau zu sagen, hätte ich ihre Augen sehen müssen. Als die mir nämlich damals in der Bank gegenüberstand, habe ich ihr genau in die Augen gesehen. Die hatte so eine bestimmte Schattierung in den Augen, die ich sicher wiedererkannt hätte, wenn ich ihre Augen gesehen hätte, aber zwingen konnte man sie ja nicht. »Nein, zwingen können wir sie nicht«, sagte auch der Kripobeamte.

Die Versicherung zahlte ziemlich schnell, da gab es ja auch kein wenn und aber. Ich habe das Geld nachgezählt und bei der ganzen Rechnerei fehlten am Ende auch noch tausend Mark. Ob die Differenz da falsch ermittelt wurde? Wir haben es dann dabei belassen.

Herr Kümpel
Bankhaus Neelmeyer

[Zuerst veröffentlicht in: Korpys / Löffler. Konspiratives Wohnprojekt "Spindy", hrsg. von Christoph Keller und Klaus Fecker, Revolver Archiv für aktuelle Kunst, Stuttgart 1998.]

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