Author: Thomas Dreher  
Posted: 14.09.2002; 12:20:57
Topic: Question 1
Msg #: 580 (in response to 414)
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Antwort auf Answer 1/5:
Die Selbstbezüglichkeit von Kunst wird entweder als verkürzte Form des L´art-pour-l´art diskutiert oder als Selbst-(Selbst-/Fremd-)Bezüglichkeit. Die erstgenannte Form der Selbstbezüglichkeit sieht von Fremdbezüglichkeit ab und übersieht dabei Außeneinflüsse, auf das Kunst angewiesen ist.
Der Rückbezug von Kunst auf die Geschichte von Kunst verkennt, dass
a.) Kunst sich durch Prozesse der Ausdifferenzierung erst Diskursformen ausbilden konnte, die den Rückbezug auf Kunstgeschichte ermöglichen und
b.) Medienformen im Kunstbereich mit langer Vorgeschichte auf die Erneuerung durch Außeneinflüsse angewiesen sind (z. B. Malerei im Kontext einer veränderten Medienlandschaft).
Die Prozesse der Ausdifferenzierung von Diskursen über Kunsttheorie und Kunstgeschichte kommen nicht an einem bestimmten Punkt zu einem Ende, sondern werden laufend weiter entwickelt. Medien wie Aktion, Fotografie, Film, Telekommunikation und Software sind - anders als Skulptur, Malerei, Zeichnung und Druckgraphik - nicht als kunstspezifisch codierbar. Bestenfalls könnten bestimmte Medienanwendungen (oder bestimmte Anwendungen von Medienkombinationen oder außerhalb der Kunst unübliche Medienkombinationen) `als Kunst´ codiert werden. Doch dies würde Prozesse der Ausdifferenzierung zwischen Selbst- und Fremdbezug durch eine Festschreibung von Rahmenbedingungen (von Medien und Medienformen) anhalten. Die Avantgarde-Geschichte der notwendigen Transgressionen von Konventionen mündet in eine Geschichte der Transformationen des kunstex- wie -internen Mediengebrauchs. In diesen Transformationen werden Modelle für Weltbeobachtung geschaffen, in die Formen der Kunstbeobachtung eingelagert werden können.
Wer nur noch spezielle Formen der Beobachtung als `Kunstbeobachtung´ ausdifferenzieren will, erzeugt das oben genannte Problem der Verkürzung der Ressourcen künstlerischer Praxis auf eine ausschließlich kuntinterne Quellen berücksichtigende Wiederbeschreibung des Diskurses über Kunst, die ihre Bezüge zwischen Abstraktion und Komplexierung nicht mehr an kunstexternen Formen der Ausdifferenzierung misst, sondern nur an ihren eigenen Diskursformen. Dies verkürzt Möglichkeiten zur Selbstbefragung.
Amerikanische und englische Künstler versuchten seit den sechziger Jahren, die Verkürzung des Diskurses über Kunst durch den Modernism bzw. Formal Criticism von Clement Greenberg, Michael Fried und damals auch Rosalind Krauss in Theorien und Werken aufzubrechen, was Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre gelang. Der Diskurs von Art & Language und "Blurting in A & L" sind wichtige Teile dieses Ablösungsprozesses.
Intermedia Art, die mit Assemblagen, Environments und Happenings/Performances begann, wird von Konzeptuellen Künstlern nicht mehr nur werkbegleitend, sondern in werkkonstituierender Form reflektiert. So wurden neue Möglichkeiten der Selbstbefragung geschaffen, die Fremdbezüge und Weltbeobachtung nicht mehr ausschliessen.
Das Problem wurde in den ersten Heften von "Art-Language" an Hand der Frage diskutiert, ob Objektkunst nur in die etablierten institutionellen Rahmenbedingungen, die für die Codierung `als Kunst´ sorgen, integriert werden soll, oder ob sich Künstler nicht der Frage stellen sollen, wie Werke in einem Kontext, der die Codierung Kunst nicht liefert, funktionieren. Wird die Frage nach Kunst so gestellt, ist eine Lösung auf materialer Ebene (mit oder ohne Rückbezug auf Materialformen) nicht mehr möglich: Die Fragen, wie Kunst kontextuell bestimmt wird und wie der Kontext von Kunst beeinflusst werden kann, führen zu Fragen der Funktion von Kunst. Diese lassen sich wiederum durch die Schaffung von Modellen für (Weisen der) Weltbeobachtung beantworten, die Alltagsbeobachtung problematisieren und auf Expertendiskurse reagieren, um zu zeigen, was diese nicht berücksichtigen. Thomas Dreher (TDreher@onlinehome.de)

 



Last update: Saturday, December 7, 2002 at 10:25:14 PM.
 

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