Author: Thomas Dreher  
Posted: 29.08.2002; 01:14:10
Topic: Question 2
Msg #: 579 (in response to 418)
Enclosure:
Prev/Next: 578/580
Reads: 74599

Antwort auf 2/6:
Lieber Michael,
1.) Das Problem des Ästhetischen stellt sich nicht mehr als Problem eines grundsätzlich Anderen oder von Nicht-Ästhetischem Abgrenzbaren, wenn Zeichenfunktionen der Ausgangspunkt sind. Poetische und emotive Funktionen erfüllen nach Jan Mukarovsky und Roman Jakobson dann Kriterien des Ästhetischen, wenn ihnen andere Zeichenfunktionen (referentielle, phatische, imperativische, metasprachliche) untergeordnet sind. Ich halte aber Relationen zwischen Zeichenfunktionen generell für kunst(praxis)relevant, also neben der `Dominante´ auch die `Affirmation´, `Negation´, `Spannung´ (als wechselseitige Negation), `Gleiten´ und indifferentes `Nebeneinander´. Beobachtungsoperationen umfassen diese Relationen zwischen Zeichenfunktionen und Kunstwerke können Modelle dafür liefern (Art & Language: Dialectical Materialism, Joseph Kosuth: Zero & Not). So halte ich es für sinnvoller, Kunstwerke als `Modelle für (Weisen der) Weltbeobachtung´ zu problematisieren, und Fragen der Ausgrenzung von Kunstbeobachtung unter anderem als Fragen der Geschichte des Diskurses über Kunst zu behandeln, dessen Verhältnis zur aufbewahrten und gehandelten oder anderweitig anerkannten Kunst nach wie vor fragwürdig ist.
2.) Wenn Netzkunst nur das Kriterium Webness erfüllen soll, dann haben Findungen unerwarteter Gebrauchsweisen vorhandener Software und Erfindungen Vorrang. Wenn aber im Netz Strategien entwickelt werden sollen, um öffentliche Meinung zum Beispiel in Fragen der Verwertungsrechte (die Korporationen vertreten, und das Netz als Docuverse durch programmierte Schranken (keine Privatkopie etc., aber Öffnung der PCs für Copyright-Inhaber!) zerstören wollen), dann geht es um Fragen des taktisch klugen temporären Einsatzes von Medien. In diesem Fall ist von normalem Mediengebrauch bis zu neuen Programmen, die programmierte Schranken auf nicht verbietbare Weise aushebeln (weil sie auf das Problem der Meinungsfreiheit so aufmerksam machen, dass auch die - amerikanische (Sondergesetzgebung fürs Internet: Digital Millenium Copyright Act contra Freedom of Information Act) - Justiz sie erlauben muss), alles erlaubt. Die Gefahr ist zur Zeit, dass sich die Netzkunst in einer Dichotomie zwischen selbst- und fremdbezüglichen Mediengebrauch erschöpft, also eine Neuauflage der selbst- und fremdbezüglichen Foto-Texte der siebziger Jahre (Huebler versus Willats) liefert, während in "Blurting in A & L" Selbst- und Fremdbezug als nicht trennbares Problem behandelt wird: Wie die Mitglieder von Art & Language Denkweisen/Modellstrategien entwickeln, bestimmt, was sie thematisieren können, und das geht über den Kunstkontext hinaus, meint aber auch ihn.
Vorrangig geht es bei NetArt um Modelle des Mediengebrauchs - und natürlich um Kontexte, jetzt Informations-/Datenumgebungen. Und darum ging es auch bereits bei "Blurting in A & L".
3.) Die Vorbelastung von Ausstellungsräumen mit Erwartungen, die die an den Prozessen der Selektion beteiligten Entscheidungsträger lenken (Sammler, Galeristen, Kuratoren, Kritiker) setzt Du, lieber Michael, in Diener Reaktion zu tief an. Da soll offenbar ein freier Denkraum mitten in diese Vorcodierungen hinein gepflanzt werden. Dazu bedarf es offensichtlich der Wiederbelebung der alten Vorstellungen vom Ästhetischen - mit den alten Fragen: Was macht das Nichtbegriffliche besser als das Begriffliche? Ist das Nichtbegriffliche das Unmittelbare oder das unbestimmbare Andere? Ist es essentialistisch oder dekonstruktivistisch bestimmbar? Und lässt sich damit etwas konkret bewirken? Taktischem Medieneinsatz ist von konservativer Seite immer vorgeworfen worden, er sei nicht künstlerisch. Möchtest Du Deine Suche nach dreidimensionalen Arbeitsräumen nicht auch ausstellungs- und kunstextern präzisieren?
Website Michael Hofstetter, Homepage: http://www.michaelhofstetter.de/

 



Last update: Thursday, March 13, 2003 at 10:31:55 PM.
 

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