Author: Maryam Foroozanfar  
Posted: 11.06.2002; 13:17:58
Topic: Einführung
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Einleitung

von Michael Baldwin und Thomas Dreher

Blurting In A & L ist ein vervielfältigtes Heft, dessen Inhalt ein Lexikon aus Blurts beziehungsweise "Annotations" ist. Die "Annotations" haben die amerikanischen Art & Language-Mitglieder Ian Burn, Michael Corris, Preston Heller, Joseph Kosuth, Andrew Menard, Mel Ramsden und Terry Smith von Januar bis Juli 1973 verfasst.
Michael Corris und Mel Ramsden wählten für die Annotationen Begriffe als Headlines. Nach den Anfangsbuchstaben der Headlines wurden die Annotations (zum Teil mehrere pro Begriff/Headline) alphabetisch sortiert und nummeriert (bis Annotation 408).
Unter jeder Annotation wurden Verweise auf andere Annotations angegeben, die zum Querlesen auffordern: Ein Pfeil steht für eine engere Verbindung ("implication"), "&" für eine Verkettung, eine Verbindung in einem weiteren Sinn ("conjunction").
Auf jede Headline/jeden Begriff folgt also eine Annotation, unter der eine Rubrik mit Pfeil-Querverweisen und eine weitere Rubrik mit "&"-Querverweisen folgt. Die Verweise werden durch die Nennung von Nummern und Headlines vorgestellt.

"Blurting in A & L" entwickelt Ansätze des Index-Projektes weiter, dessen erste Version auf der Documenta 5 1972 zum ersten Mal ausgestellt wurde. Das Projekt wurde von englischen wie amerikanischen Mitgliedern von Art & Language ausgearbeitet. Der Dialog zwischen den Mitgliedern kreiste vor allem um die Begriffe "blurting" und "concatenation". "Blurting In A & L" setzt das Index-Projekt der documenta 5 fort, und wurde in "Index 002 Bxal" (1973, Van Abbemuseum, Eindhoven) am ausführlichsten und umfangreichsten ausgearbeitet. Doch wurde das Projekt nicht mit dem "Index 002 (Bxal)" beendet. Vielmehr wurde es in verschiedenen Formen und mit verschiedenen konzeptuellen Transformationen bis 1976 fortgesetzt (z. B. "Dialectical Materialism", 1974-76). Auf andere Arten wird es in der gegenwärtigen Arbeit von Art & Language weiter entwickelt (s. Kunstforum Bd.155/2001, S.131-135).

"Blurting In A & L" stellt den Diskurs und die Dialogpraxis von Art & Language vor. Es handelt sich bei diesem Diskurs um eine Hinterfragung der Funktionen des Kunstkontextes (z. B. Annotations 39,49,194), nicht um eine Hinterfragung der Funktion von Werken im Kunstbetrieb (vgl. Annotations 252-258).

Im Diskurs von Art & Language werden Vorschläge für umfassendere Denkrahmen/ "frameworks" geprüft. Die sich daraus ergebenden Ansätze bilden ein vorläufiges Art & Language-Programm, dessen Konsequenzen am Beispiel des Kunstbetriebs vorgeführt werden. Diese erkenntnisorientierten Denkrahmen stellen Rahmenbedingungen des Kunstbetriebs in einer Weise in Frage, die heute so aktuell ist wie zur Zeit ihres Entstehens. Deshalb hat sich die Leitung des ZKM zu einer Online-Fassung entschlossen.

Die Mitglieder von Art & Language beabsichtigen, Differenzen der Kompetenz zwischen Künstlern, Kritikern und Zuschauern aufzuheben und den Kunstbetrieb in ein Kommunikationssystem gleichberechtigter Diskurspartner zu verwandeln (Annotation 55). Die im Ausstellungs- und Kunstbetrieb üblichen Weisen der Präsentation und der Codierung von Kunst sind die Antipoden dieser diskursorientierten Vorstellung von Kunstpraxis.

Art & Language entwirft einen (damals) neuen pluralistischen Denkrahmen und spielt die Möglichkeiten seiner Einbettung in eine Welt durch, die die Kunstwelt sein kann, aber nicht sein muss. Dieses Durchspielen von Möglichkeiten einer Reflexion, die Kontextbedingungen der eigenen Praxis überprüft, führte die Mitglieder zu der Forderung, die institutionellen Rahmenbedingungen zu ändern. Durch die Präsentation der eigenen Kontextreflexion im reflektierten Kontext wird aus der Theorie eine "theoretische Praxis" (Louis Althusser): Die Präsentationsform schafft Rezeptionsbedingungen für mögliche Leser. Nicht nur der Text, sondern auch die durch seine Präsentationsform geschaffene Lesersituation bilden ein Modell für Reflexionsformen, die in den Diskurs über Kunst eingeführt werden.

Die Auseinandersetzung mit Präsentationsformen wurde für die Mitglieder von Art & Language notwendig, da sie in internen Diskussionen die Zielvorstellung entwickelten, nicht-hierarchische und gruppenexterne Leser aktivierende Präsentationsformen zu finden. Der Prozess der "conversational exchanges" (Annotation 78), in dem die Mitglieder die methodischen Ausgangspunkte von Art & Language entwickelt haben, soll von den Lesern fortgesetzt werden. Deshalb fördert die Präsentationsform von "Blurting In A & L" ein Leseverhalten, das zwischen präsentierten Textteilen/"Annotations" als "surface-structures" (Annotation 338) und "set[s] of contexts" (Annotations 10,103,236,275), die weitere Textteile offerieren, ein Wechselverhältnis herstellt, das als dialogisch beschrieben werden kann. Das Dialogische, Intratextuelle des Leseprozesses soll zu weiteren gruppenexternen Dialogen anregen.

Der von Art & Language geplante Idealfall eines Feedbacks zwischen gruppenin- und -externen Dialogen liess sich in den siebziger Jahren mit den von den Mitgliedern entwickelten Präsentationsformen für Index-Systeme nur antizipieren, aber noch nicht befriedigend praktizieren. Der Austausch von "blurts" wurde bei "Blurting in A & L" in zwei Phasen organisiert: (1) als weitere, zu den bereits vorhandenen hinzukommende Fragmente für die Koautoren, (2) als Kommunikationsbasis für andere Mitglieder von Art & Language, die in der ersten Phase nicht beteiligt waren. Mit Ausnahme einiger Sonderfälle war das Feedback von externen Lesern gering. Zu diesen Ausnahmen kam es, weil es ein System gab, ausgefeilte und provisorische Beiträge der Gesprächspartner von Mitgliedern zu sammeln. Erst die Webfassung von "Blurting In A & L" mit einer Seite für User-Beiträge löst den Anspruch von Art & Language ein, den gruppeninternen Diskurs so weit wie möglich nach außen zu tragen und das Feedback gruppenintern zu verarbeiten. So können die Koautoren, Nicht-Koautoren aus dem Umfeld von Art & Language und User, die nicht in Art & Language involviert sind, miteinander auf englisch und deutsch kommunizieren (s. "Fragen").

 

Links:
Vorstellung des Projektes "Blurting in A & L online"
Dreher, Thomas: Art & Language & Hypertext: Blurting, Mapping and Browsing (Vorstellung von "Blurting in A & L online", ZKM, Karlsruhe, 7.7.2002)

 



Last update: Monday, September 16, 2002 at 1:11:24 PM.
 

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