Author: Maryam Foroozanfar  
Posted: 21.03.2002; 16:22:59
Topic: Diskursive Robinsonaden?
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Diskursive Robinsonaden?

von Michael Baldwin und Philip Pilkington

Wir näherten uns Begriffen (und Operationen) wie "concatenation", BLURTING, "going-on" usw. aus verschiedenen Richtungen. Wir fanden keine Texte aus der Sprachtheorie, Pragmatik, Semantik oder der kognitiven Psychologie, in der die Begriffe so benutzt wurden, wie wir dies taten. (In der formalen Logik ist "concatenation" eine einfache Verkettung von einfachen Ausdrücken. In Theorien zur natürlichen Sprache wird dieser Begriff aber nicht benutzt.)

Allerdings waren diese verschiedenen Zugänge nicht so unterschiedlich wie man vermuten mag. Eine der Schwierigkeiten, auf die wir stießen, war das Auffinden einer Methode, mit der wir unsere Vorgehensweise von "innen" her beschreiben konnten. Wir waren uns im Klaren, dass es keine wohl-definierten Textquellen gab, auf deren Basis wir unsere Vorgehensweise hätten erklären können. Das führte dazu, dass wir, so gut wir vermochten, einfach alles was wir finden konnten, zusammentrugen. Wir taten dies nicht etwa, weil wir so schlechte Wissenschaftler wären, sondern weil die publizierte Theorie nur flüchtige Einblicke in Komplexe erlaubte, die dem gerecht wurden, was wir zu beschreiben versuchten und wie wir es fassen und erklären wollten. Wir formten also etwas aus Versatzstücken, aus Bestandteilen von Theorien, die sie nicht immer hinreichend ausdifferenziert vorstellten.

Eine wiederkehrende Schwierigkeit, mit der man in der diskursiven Praxis konfrontiert wird, liegt im Versuch, zu erklären, woraus sie besteht. Es schien beispielsweise unangemessen anzunehmen, dass die operationalen Grundbegriffe überhaupt Bedeutung hatten. Sie sollten eher als bedeutungslos erachtet werden und stellten sicher (nur) subsemantische Einwürfe in den Diskurs oder die Praxis dar. Dieser Mangel an Voraussetzungen brachte jede Menge an "fundamentalen" Überlegungen hervor – von Brouwers Intuitionismus bis hin zu Hilberts Konstruktivismus etwa. Insbesondere waren wir von Turings Antwort auf diesen Kollaps der Anfänge angezogen: ein unendlich langes Band – "Going-on".

Ein anderer, damals naheliegender Zugang wurde durch verschiedene Marxistische Ideen zum Begriff "Produktion" aufgezeigt. Aber wir suchten nicht nach Bezugspunkten der "Produktion" als bloße Eigenschaften einer strukturalistischen zweiten Welle des Marxismus, sondern untersuchten diese Punkte als Bestandteile der Alltagserfahrung von uns und anderen wie auch als Bestandteile der Alltagserfahrung anderer, von der unsere eigene Erfahrung ausgeschlossen ist. In Coventry waren wir uns sehr wohl der tagtäglichen Kämpfe der Gewerkschaftsbewegung und ihrer Mitglieder bewusst, die direkt vor unserer Haustür stattfanden. Die sogenannte "broad left" (Linke Bewegung) hatte sich gerade mit den neu oder nicht-so-neu übersetzten Arbeiten zum nicht-stalinistischen Marxismus auseinandergesetzt. Lukacs war, bedingt durch seine ästhetische, Klassenbewusstsein integrierende Einstellung von besonderem Interesse. Und in Fragen der Ästhetik lernten wir von Kierkegaard, dass das Paradox sich (scheinbar) als ein existentielles Problem erweisen kann und nicht nur als ein logisches, wie es von Russell erkannt wurde. Die Ansätze überschneiden/überschnitten sich und laufen/liefen auseinander: Russell, Kierkegaard, Mengentheorie, Semantik, Turing-Maschinen, usw. usf. Zu diesen seltsamen Verbindungen und Brüchen fügten wir Fragen – oder aus Neugier entwickelte Möglichkeiten – hinzu, die uns die Entwicklung nahelegte, die sich an die Publikation des historischen Werkes von E.P.Thompson anschloss. Die Geschichte alternativer Bewegungen stand Dilthey und der deutschen Ideologie gegenüber.

Sowohl unser Diskurs als auch unsere Fragen zu den einfachen Bestandteilen setzten sich fort. Falls es etwas grundlegend Einfaches überhaupt gibt, wo kommt es her? Falls es eine Funktion in Bezug auf andere einfache Ausdrücke hat oder ein Folge der Hervorbringung anderer zu sein scheint, wie ist es (re)konstruierbar? Diese Fragen wurden vor dem Hintergrund bzw. beim Reflektieren der Ansätze, die wir beschrieben haben, gestellt. In den verfügbaren philosophischen Arbeiten dieser prä-post-strukturalistischen Zeit wurden diese Fragen nicht gestellt. Was wir erkannt hatten, war der Bedarf an Differenzierung im Verlauf des "Going-on" [bzw. des Fortschreitens unseres Diskurses]. Es zeigte sich, dass es keine endgültige Position und kein beschreibendes Modell geben wird, lediglich einen iterativen Prozess. Das ärgerte Atkinson und Kosuth mehr als sie zugeben konnten.

Robinson Crusoe, von vielen als erster wirklicher englischer Roman angesehen, ist ein Text, der von gewissen linken Kritikern verunglimpft wurde. Trotzdem ist er kein Roman, welcher unzweideutig die Tugenden der Bourgeoisie rühmt. (Marx kritisierte Robinson Crusoe als eine Huldigung des bürgerlichen Individualismus. Crusoe überlebt allein, und er lebt allein: bürgerliche Individualisten sind "Robinsonaden".) Crusoe lebt nämlich vom Wrack eines Schiffs – einer "Zivilisation", die den Autor Daniel Defoe gefangenhielt. Crusoe tangiert die Alltagserfahrung anderer durch die Benutzung dieses Wracks: etwas Transformiertes, zusammengesetzt aus Teilen, die ihre ursprüngliche Identität, Zweck oder Erscheinung verloren haben oder verlieren werden.

 



Last update: Tuesday, July 9, 2002 at 8:57:52 PM.
 

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